Mit dem Finger, der in der Nase bohrt, geht es aufwärts!

Die Schöne Lesung: Joachim Meyerhoff „Man kann auch in die Höhe fallen“

radioeins events · 11.11.2024 · 82 Min. – nachzuhören in der ARD Audiothek

Vier Jahre ist es her, dass Joachim Meyerhoff in seinem Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“ davon erzählte, wie er einen Schlaganfall erlitt und sich mühsam ins Leben zurückkämpfte. Nun erfahren wir endlich die Fortsetzung der Geschichte. Am 7. November erschien „Man kann auch in die Höhe fallen“ und Joachim Meyerhoff hat das Buch – wie schon die beiden Vorgänger-Bände – als Deutschlandpremiere bei radioeins vorgestellt. „Man kann auch in die Höhe fallen“ schließt unmittelbar an „Hamster im hinteren Stromgebiet“ an. Nach dem Schlaganfall zieht Meyerhoff von Wien (wo er zum Ensemble des Burgtheaters gehörte) nach Berlin. Er hofft, durch einen Neuanfang wieder Fuß zu fassen. Doch alles kommt anders als gedacht. Die neue Stadt zerrt an den Nerven und die künstlerische Arbeit als Schriftsteller und Schauspieler fällt ihm von Tag zu Tag schwerer. (ARD-Text, Foto: SWR Kultur / ARD Audiothek)

Das Wichtigste vorab: an Meyerhoffs Erkenntnissen ist nicht zu rütteln. Berlin ist unbewohnbar, Altwerden ist doof, Mama ist die Beste, auf dem Land ist es schöner als in der Stadt (in Berlin z.B.), man muss auch mal Fünfe grade sein lassen (besonders mit 86), Handys sind flach, und es wird zu viel an ihnen herumgefingert (gerade auch von einem selbst, ja ja …). Außerdem hat man inzwischen auch mit 55 Anrecht auf eine Midlife-Crisis – und auf die damit verbundene Lebenserwartung.

Gekrönt von einem anheimelnden Bandwurmtitel  redet der Autor mit erbarmungslos zwinkerndem Auge darüber, wie dröge es ist, ein sich selbst vernachlässigender alter Heini zu sein. Und um seine wohlfeile Selbstgeißelung glaubwürdiger zu machen, setzt er dem Jammer die Beschreibung seiner Mutter entgegen, die – selbstredend – am Meer wohnt, Auto fährt wie ein Gangster, ein freches Mundwerk hat, sich von Fast Food und Alkohol ernährt und trotzdem schlank, topfit und sinnenfroh ihrem Sohn was vorlebt. In der gelesenen Passage fehlt nur der ungeklärte Mordfall, und das Idyll würde in einen Küstenkrimi mit Ermittler-Oma umkippen.
Dafür, dass das Abenteuer, das Meyerhoff in seinen zurückliegenden Bestsellern beschrieben hat, gerade alle ist, kann der Leser ja nichts. Ein wenig Kreativität gehörte einst zu den vornehmen Pflichten eines Schriftstellers.

Wer sich vor irgendetwas fürchtet, das in einen Denkanstoß münden könnte oder in Selbstironie, die diese Bezeichnung verdient, ist hier so sicher wie Mama Meyerhoff in der Arschmulde, die sie sich keck in den Strand rubbelt, ehe sie sich reinlegt (ach, das Leben kann so einfach sein). Entsprechend erleichtert klingen Gelächter und Applaus bei der „Schönen Lesung“.
Man hat ja bekanntlich nicht viel zu lachen in Berlin.

Zum Ende der Lesung geht Meyerhoff zu seinen Theatererlebnissen über. Da blitzen dann etwas gut platzierte Bosheit und ein paar Tiefe Einblicke in Welt der Bühne auf.

Veröffentlicht unter Hörfunk, Literatur, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Der Krimihase in uns allen

Testvorführungen funktionieren nicht, ihre Ergebnisse sind reiner Zufall.
Ausführlicher gesagt: Testvorführungen funktionieren nur dann, wenn das Testpublikum keine Ahnung hat, dass es als ein solches fungiert oder wenn es ihm egal ist – also ein weitgehendes Ding der Unmöglichkeit.
Wer als Testperson dient, in dem setzt sich eine Reihe von psychologischen Reflexen in Bewegung, die der Idee, die Wirkung einer künstlerischen Arbeit – sagen wir: eines Films – zu testen, vollständig zuwiderläuft: man freut sich der übertragenen Verantwortung (Macht), verreißt also lieber als dass man lobt. Zudem erliegt man leicht der Versuchung, sich der gefühlten Meinung der Masse anzuschließen (die wiederum von Punkt 1 getrieben wird). Man wird vielleicht lügen, um besser dazustehen, wenn man gefragt wird: wie hat’s dir gefallen?  Überhaupt genießt man nicht unbefangen die Darbietung, sondern fühlt sich als Teil des Teams, das hier am Werk ist.
Der freiwillige Zuseher, der zum Vergnügen in seiner Freizeit ins Kino geht, ist in einer komplett anderen Verfassung.

Selbstverständlich lassen sich diese Einschränkungen der eigenen Aussagekraft nicht abstellen oder niederhalten, obwohl das jeder für sich in Anspruch nehmen würde: klar bin ich objektiv.
Gute Kritiker lernen im Laufe der Zeit, sich in dieser Disziplin zu schulen (aber wirklich nur gute!). Sie schaffen es auch, die Reaktionen eines ebenfalls anwesenden Publikums zwar zur Kenntnis zu nehmen, sich aber dennoch von ihnen zu emanzipieren.

Dieses Paradox der nicht durchführbaren Testvorführung im Sinne der Vorführenden lenkt unseren Blick auf den großen Widerspruch in uns allen.
Privatdetektive berichten zuweilen von dem Wunsch nach Klärung eines bösen Verdachts und dem gleichzeitigen Unwillen, es genau zu wissen und die Hoffnung endgültig begraben zu müssen. Solche Kunden werden am Ende des Auftrags richtig sauer auf den Überbringer der schlechten Nachricht, den sie selbst gebucht haben.
Wir alle kennen dieses Paradox aus unserem Leben als Zuschauer eines Thrillers. Einerseits wollen wir wissen, wem die mordende Hand gehört, die aus dem Dunkel ins Bild kommt, andererseits würden wir es nicht schätzen, wenn jemand „spoilert“.

Veröffentlicht unter Film, Krimi, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Nach der US-Wahl

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bat eine Reihe amerikanischer Autorinnen und Autoren, sich zum Ausgang der US-Wahl zu äußern. Pulitzer-Preisträger Joshua Cohen gab das kürzeste Statement ab, und der zentrale Satz lautete: „Wir müssen aufhören, das Nichtpolitische (Unterhaltung, Religion) im Politischen zu suchen.“
Wenn ich diesen interpretierfähigen Satz im Sinne Cohens korrekt auslege, dann stellt er den ersten Fall dar, in dem ein anderer Mensch als ich selbst einen bestimmten Gedanken ausspricht, der mich schon lange beschäftigt. Ich habe mit Sorge den Siegeszug solcher Figuren wie Berlusconi oder Boris Johnson beobachtet, die man früher schon wegen ihrer Unseriosität vom Hof gejagt hätte. Ihre Salonfähigwerdung, die politischen Karrieren, die ihnen inzwischen offenstehen, weil das jeweilige verblödete Wahlvolk ihre weniger offensichtlich verkommenen Konkurrenten offenbar auch weniger amüsant findet, ist nach meiner Überzeugung eine Folge des Niedergangs unserer Unterhaltungsindustrie. Das Volk braucht Unterhaltung, es bekommt sie nicht länger dort, wo es sie sie zu finden hofft (auf dem Smartphone etwa) – oder zumindest nicht in ausreichendem Maße – und meint nun, sich beim Ausüben seines Wahlrechts amüsieren zu müssen.
Ich wüsste zu gern, ob Mr. Cohen das auch denkt, oder ob er etwas völlig anderes gemeint hat.
Er hat jedenfalls recht.

Veröffentlicht unter Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die schönsten Filme, die ich kenne (123): „Alles, was wir geben mussten“

Von „Alles, was wir geben mussten“ kenne ich nur die britisch-amerikanische Filmversion von 2010, doch alles deutet darauf hin, dass bereits die Romanvorlage von Kazuo Ishiguro großartig ist, und sogar die Regietheaterfassung (Braunschweig 2021) soll gar nicht übel sein.

Kathy (Carey Mulligan), Tommy (Andrew Garfield) und Ruth (Keira Knightley) wachsen in einem Internat in der englischen Einöde auf. Die Direktorin Miss Emily (Charlotte Rampling in einer gewohnt abgründigen Rolle) betont immer wieder, bei Halisham handele es sich um keine gewöhnliche Schule. Inwiefern das nicht das übliche Gelaber ist, wird den Kindern eines Tages von einer freigeistigen Lehrerin verbotenerweise verraten. Die komplette Abschottung von der Außenwelt, die ständigen ärztlichen Untersuchungen der Kinder haben einen entsetzlichen Grund: sie sind Klone, die ihren Originalen als Organspender dienen werden, sobald sie das junge Erwachsenenalter erreicht haben. Ihr Tod, üblicherweise nach der dritten „Spende“, wird zur „Vollendung“ schöngeredet.
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich das kurze Leben der Zöglinge. 
Kathy und Tommy, die schon immer eine besondere Beziehung zueinander hatten, werden kein Liebespaar, weil sich die Dritte im Bunde, Ruth, dazwischendrängt. Sie tut das weniger aus Liebe, wie sie später gestehen wird, als vielmehr aus Eifersucht auf das sich anbahnende Glück der beiden anderen Todgeweihten.
Auch aus Kummer über diese Entwicklung bewirbt sich Kathy als Betreuerin, schiebt damit ihre eigene Ausweidung ein wenig auf und verliert ihre Jugendfreunde aus den Augen. Das Wiedersehen mit ihrer unerfüllten Liebe Tommy, wenige Jahre später, ist zugleich ein Abschied …

Die jungen Menschen in dieser Geschichte nehmen ihre völlige Rechtlosigkeit als so selbstverständlich hin, dass sie gar nicht auf den Gedanken kommen, dagegen aufzubegehren. Es ist nicht einmal nötig, sie einzusperren oder aufwendig zu bewachen. Lediglich eine gewisse elektronische Kontrolle erinnert uns daran, dass wir es hier mit einer Dystopie zu tun haben.
Deren genretypische Tücken werden gekonnt unterlaufen: die Handlung spielt nicht in der Zukunft, sondern in einer Parallel-Vergangenheit (zuletzt in den 90er Jahren), in der die Medizin bereits vollbracht hat, was ihr in der Realität erst noch gelingen wird. Auf die Alltagsgesellschaft, die diese grausame Praxis offenbar duldet, erhaschen wir nur einen flüchtigen Blick auf einem verschämten Ausflug, den die Helden dorthin unternehmen. Gerade von der gemütlichen Spießigkeit dieser Normalität, von der keine Hilfe zu erwarten ist, geht eine große Verstörung aus. Der kluge Verzicht auf eine Horrorvision aus Gotham-City-Schnickschnack und einem augenrollenden Diktator oder Organ-Dealer im Hintergrund ist vermutlich Kazuo Ishiguro zu verdanken, der entscheidenden Anteil an der filmischen Umsetzung seines Romans hatte.

Die Indoktrination, die dieses Unrecht möglich macht, wird von einer Internatschefin gelenkt, deren Talente und Ambitionen den Opfern immerhin ein Aufwachsen außerhalb einer anonymen „Legebatterie“ ermöglichen. Überhaupt ist ihr Institut bei aller Strenge so märchenhaft schöngeistig gezeichnet, dass der Gedanke ein wenig viel verlangt ist, es würde auf britischem Boden betrieben – im Hauptland der systematischen Schikane und Misshandlung junger Menschen in Internaten.
Auch die Schlussworte in Kathys Monolog sind bedauerlich, formulieren sie doch nur aus, was wir längst selbst begriffen haben.
Ansonsten lässt sich dieser Film nichts zuschulden kommen.

Die drei jungen Hauptdarsteller sind großartig, besonders Kathy und Tommy – Keira Knightley ist fast ein wenig zu glamourös. Carey Mulligan wirkt wie das klügste Mädchen, das sich denken lässt, und trotzdem glauben wir ihr die gewaltige geistig-moralische Blindstelle, auf der ihre Fügsamkeit aufbaut. Andrew Garfield – populär geworden vor allem durch seine Fehlbesetzung als Peter Parker in drei Spider-Man-Filmen – spielt den Absturz vom lebensfrohen Wuschelkopf zum wandelnden Leichnam (der sein heiteres Naturell wacker aufrecht hält) mit der verstörenden Authentizität einer Langzeit-Dokumentation. Der Wikipedia-Artikel über den Schauspieler übergeht diese Leistung.

Veröffentlicht unter Film, Gesellschaft, Literatur, Rezension, Science Fiction | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Endlich Tempo auf dem Zauberberg!

betr.: 22. Todestag von Gert Westphal / Erscheinungsjubiläums des Romans „Der Zauberberg“ (am 20. November)

Mit welchem Widerwillen die ARD auch in Zeiten von digitalem Angebot und schwindendem Ansehen beim heute lebenden Publikum ihr Programm herausrückt, lässt sich derzeit in der ARD Audiothek erleben. Des 100. Geburtstags von Thomas Manns „Zauberberg“ entledigt sich der NDR mittels einer fünfteiligen Abfolge von Auszügen in der Sendereihe „Am Morgen vorgelesen“ (wie üblich eine Woche lang nachhörbar). Das rbb-Kulturprogramm „radio 3“ sendet die ganze (leicht kürzte) Lesung von Gert Westphal aus dem Jahre 1983 im linearen Programm und stellt sie parallel in die Mediathek. Allerdings steht jede einzelne der 40 Folgen dann nur eine Woche lang zum Nachhören bereit. Wem dieser Roman also schon immer etwas zu langsam erzählt und zu ereignisarm war, der kann ihm jetzt im Online-Angebot der ARD hinterherhetzen.

Veröffentlicht unter Hörbuch, Hörfunk, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die wiedergefundene Textstelle: Hypnose für Einsteiger

Victor Cannings Originaldrehbuch „Verräter“ (1967 für das ZDF) ist eine Gipfelleistung, die nebenbei ihr illustres Schauspielerensemble sehr gut aussehen lässt. Ihre Qualität wird umso deutlicher, wenn man diesen Dreiteiler mit anderen ähnlich formatierten deutschen TV-Krimis der Ära vergleicht. Die beiden meistbeschäftigten Autoren dieses Komplexes – Francis Durbridge und Herbert Reinecker – werden heute beilläufig als „Kult“ durchgewunken, würden aber jeden von uns intellektuell entsetzlich quälen, der sie sich eine ihrer Arbeiten tatsächlich in voller Länge anschaut. Cannings Buch ist lebensnah und frei von ärgerlichen Klischees, was für eine Spionage-Geschichte damals wie heute beachtlich ist.
Die folgende Szene gehört in die Kategorie „Verwertung einer Recherche in einen Dialog“ – ein unterschätzter handwerklicher Vorgang.*
Die erwähnte Miss Linton ist eine Varieté-Künstlerin, bei der sich Canning möglicherweise von John Buchans „Mr. Memory“ hat inspirieren lassen, einer Schlüsselfigur im von Hitchcock verfilmten Roman „The 39 Steps“. Der Regisseur griff für seinen letzten Film wiederum zu Canning. „The Rainbird Pattern“ gelangte als „Familiengrab“ auf die Leinwand.**

„Was heißt das, sie schläft?“ stieß Tannikov ärgerlich hervor, als er mit Dr. Friedland sein Büro betrat. „Sie sollten sie hypnotisieren, deshalb sind Sie hier!“
Die Herren verteilten sich auf beide Seiten von Tannikovs Schreibtisch, nur Dr. Friedland nimmt Platz.
„Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, dass kein Mensch gegen seinen Willen hypnotisiert werden kann“, entgegnete Dr. Friedland aufgeräumt. „Außerdem braucht man dazu Ruhe und Konzentration. Glauben Sie, dass Miss Linton besonders ruhig ist, nachdem Sie sie mit Gewalt entführt haben?“
„Und weiter!“
„Es gibt da zwei Erklärungen: entweder sie will sich nicht von mir hypnotisieren lassen, oder sie ist überhaupt nur durch ihren Bruder zu hypnotisieren!“
„Was heißt das?“ fragte Tannikov und setzte sich nun ebenfalls. Seine Verärgerung wich einer berufsmäßigen Neugier.
„Wir nennen das eine Sperre. Wenn Mr. Linton seine Schwester regelmäßig hypnotisiert, dann bedarf es zwischen den beiden nicht jedesmal eines umständlichen neuen Hypnoseversuchs, sondern Linton wird eine Signalhypnose eingerichtet haben. Dabei kann das Signal irgendein X-beliebiger Gegenstand oder irgendein Wort sein, das die beiden miteinander verabredet haben. Sobald Linton den Gegenstand anfasst oder das Wort ausspricht, fällt seine Schwester in Hypnose.“
„Soll das ein Witz sein?“
Friedland schmunzelte. „In Ihrem nächsten Urlaub können Sie mich in meiner Klinik besuchen, dann werde ich Ihnen eine Signalhypnose vorführen. Mein Medium ist ein junger Mann. Wir benutzen ein Stück Kreide. Damit er nun nicht jedesmal in Hypnose fällt, wenn irgendjemand zufällig einmal ein Stück Kreide berührt, habe ich ‚gesperrt‘. Das heißt, ich habe ihm in Hypnose befohlen, dass nur ich ihn hypnotisieren kann. Und Linton wird es mit seiner Schwester ähnlich gemacht haben.“
„Ja, können Sie diese Sperre nicht durchbrechen?“
„Nein. Das ist ja gerade der Sinn einer Sperre, dass man sie nicht durchbrechen kann, oder jedenfalls nur sehr schwer. Man braucht sehr viel Zeit dazu.“
„Na, wie lang?“
„Das kann ich jetzt noch nicht sagen.“
Tannikov erhob sich und kam hinter dem Schreibtisch hervor. „Ich habe Ihnen erklärt, warum ich diese Namen unbedingt brauche. Was schlagen Sie vor?“
„Besorgen Sie sich auch den Bruder! Er wird seine Schwester hypnotisieren, und Sie haben, was Sie brauchen.“
„Das dürfte unmöglich sein.“
„Versuchen Sie’s wenigstens. Oder geben Sie mir die Möglichkeit, mich in aller Ruhe mit Miss Linton zu beschäftigen. Am besten, ich nehme sie mit in meine Klinik.“
______________________
* Roald Dahl ist einer der Meister auf diesem Gebiet, siehe https://blog.montyarnold.com/2021/11/23/roald-dahl-2/
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2018/08/05/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-72-familiengrab-2/ und https://blog.montyarnold.com/2024/03/11/aus-dem-schoss-der-familie-gekrochen/

Veröffentlicht unter Fernsehen, Film, Krimi, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten), Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Es war einmal: Die Saftschubse

Henry Cooper fand im Vorderteil der Maschine einen Fensterplatz und stellte die Tasche auf den Mittelsitz neben sich. Den dritten Platz nahm eine kräftig gebaute Frau in einer hellblauen Hose ein, die für den Umfang ihres Gesäßes zu knapp war. Sie zwängte eine riesige Handtasche neben die andere auf dem Mittelsitz und breitete über beide einen schweren Pelzmantel.

Diese Zeilen aus „Die Flugtasche“ – einer Kurzgeschichte von Graham Greene, die ihren Sarkasmus gar nicht gegen das Fliegen an sich richtet – machten mir noch einmal bewusst, wie sehr ich diese Art der Fortbewegung hasse, wie lächerlich die Kluft ist, die sich zwischen ihrem Anspruch, Luxus und Weltläufigkeit vorzutäuschen und den immanenten Demütigungen auftut, die sie praktisch jedem mehr oder weniger deutlich antut, der sich darauf einlässt. Das gilt auch und insbesondere für das Bordpersonal, dessen permanente Gefangenschaft in dieser erstickend-lächerlichen Parallelwelt ja viel umfassender ist als die selbst des reiselustigsten Geschäftsmannes oder Außenpolitikers.

Mir fiel ein Ausdruck wieder ein, den ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört oder gedacht habe: „Saftschubse“. Das ist abfällig für „Flugbegleiter“. Wohlgemerkt: für die männliche Variante dieses Berufs, der in der üblicheren weiblichen Variante Stewardess heißt.
Diese männliche Variante – das wird durch die feminine Struktur des launigen Schimpfwortes deutlich – schließt Homosexualität mit ein. Flugbegleiter waren noch ausdrücklicher schwul als Balletttänzer oder Friseure. Und sie brauchten all die Langmut und den lebensnotwendigen Masochismus, die sie ihre gesellschaftliche Situation gelehrt hatten.

Unter den Homosexuellen der 80er und frühen 90er Jahre – so lange ist diese Bezeichnung mir nicht mehr begegnet – galt der Beruf der männlichen Stewardess als – erraten! – weltläufig und luxuriös. Er verströmte einen Glamour, der seinerzeit Prominenten vorbehalten war. Und dies zu einer Zeit als die multiplen Abstufungen nach unten – bis hinunter zur Dritt- oder Z-Prominenz – noch nicht in der heutigen Form existierten.

Homosexuelle hatten in jenen Tagen in der westlichen Zivilisation nicht viel zu lachen, wenn sie nicht zu der verschwindenden Randgruppe innerhalb der Randgruppe gehörten, die sich in einem sie ausfüllenden Beruf eingerichtet hatte („was mit Medien“, wie man später gesagt hätte), in der Stadt lebte und sich wegen ihrer Neigung nicht allzusehr selbst die katholisch anerzogene Hölle heiß machte.

Was aber war denn nun so begehrenswert und schillernd am Flugbegleiten? Die große Welt (von der man berufsalltags ja nichts zu sehen bekam)? Die Bereitstellung der Arbeitskleidung durch die Airline (- es gibt schräge Vorlieben da draußen …)? Das Gefühl, über den Dingen zu schweben (oder ähnlicher quasiphilosophischer Mist)?
Ich will ehrlich sein – ich weiß es nicht. Über solche Dinge haben wir damals in der Subkultur nicht miteinander gesprochen.
Meine Theorie: die Attraktivität des Berufs ging von der Option aus, jemand anderen, mit dem man nicht verwandt oder verschwägert war, als Gratis-Mitflieger eintragen zu lassen (ich habe den bürokratischen Fachbegriff vergessen). Das versprach der Saftschubse zusätzliche Beliebtheit und einen sozialen Aufstieg innerhalb ihrer Community.

Außerdem dürfte ein Grund eine Rolle gespielt haben, über den auch und gerade unter Heterosexuellen lieber geschwiegen wird: Wer fliegt, erspart sich das Leben zuhause.

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Glosse, Literatur, Monty Arnold - Biographisches, Polemik | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Die wiedergefundene Textstelle: Putzis Prolog

betr.: 49. Todestag von Ernst Hanfstaengl

Noch bis vor gut zehn Jahren wurde im Rang eines geflügelten Wortes immer mal wieder die Frage gestellt, wie es auf dem Boden einer Kulturnation zum Dritten Reich kommen konnte. Das hat zuletzt ganz aufgehört – inzwischen beantwortet sich diese ohnehin rhetorisch gemeinte Frage in der gesellschaftlichen Praxis gewissermaßen von selbst.
Schon zuvor gab es ein Buch, welches mir das Gefühl gab, dass unser allgemeines Kopfschütteln über die Toren, die den skurrilen Diktator einst hochkommen ließen, etwas wohlfeil sein könnte.
Ernst („Putzi“) Hanfstaengl ist ein detailreicher und schnurriger Chronist des Aufstiegs der Nationalsozialisten und ihrer ersten Regierungsjahre. Bereits die kurze Vorgeschichte seiner Erinnerungen „Zwischen Weißem und Braunem Haus“ (ein unglücklicher Titel, nicht nur wegen der unrichtigen Reihenfolge in der Aufzählung) macht das deutlich – und damit wohl auch den Grund dafür, dass diese Quelle bis heute so ungern seriös ausgewertet wird. Hanfstaengls persönliche und private Einblicke mögen auf die Nachgeborenen etwas schwatzhaft und unangemessen humorvoll wirken (was ihnen insgesamt unrecht tut), die Eitelkeit des Erzählers macht sie weiterhin angreifbar. Mindestens letzteres sollte man vernachlässigen. Nur grundlose und uneingestandene Eitelkeit ist ärgerlich. Der Erzähler muss sich zuletzt zur netteren der beiden gleichermaßen naiven Gruppen rechnen, die den Falschen unterstützt haben.

Weiterlesen →
Veröffentlicht unter Gesellschaft, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Abschiedskonzert für Uncle Walt

betr.: 33. Todestag von Fred MacMurray

Fred MacMurray hat unter Billy Wilders Regie mit großem Erfolg einen besonders miesen Typen verkörpert, ohne dass es seiner Beliebtheit geschadet hätte: den Versicherungsmakler, der sich von der „Frau ohne Gewissen“ zu einem Mord überreden lässt. Doch erst sein gefühlskalter Ehebrecher in „Das Appartement“, 15 Jahre später wiederum mit Billy Wilder, schockierte das Publikum derart, dass der Schauspieler künftig auf fiese Rollen verzichtete, dramatische Stoffe mied und – wie es in der Fachliteratur heißt – „ins Disney-Lager auswich“. Da es sich dabei um die Realfilme der Disneys handelte, deren Ansehen weit unterhalb dem der Zeichentrickarbeiten lag, war das eine bedauernde Anmerkung.
MacMurrays am häufigsten im Fernsehen wiederholte Rolle aus dieser Sparte dürfte „Der fliegende Pauker“ sein.
Gänzlich vergessen hingegen ist sein Musical-Part als exzentrischer Millionär in „The Happiest Millionaire“, dem letzten Film, dessen Fertigstellung der todkranke Walt Disney noch erlebte. Tommy Steeles Signature-Song „Fortuosity“ tauchte in alter Zeit noch hin und wieder auf Disney-Samplern auf. Inzwischen ist das Repertoire so sehr angeschwollen, dass für derlei kein Platz mehr ist.  

In seinem ersten Song legt Fred MacMurray (oben Mitte) Wert darauf, seine Familie versammelt zu sehen. Auf der Plattenhülle des Soundtrack-Albums war ihm das vergönnt, und sogar Uncle Walt (unten Mitte) stellte sich mit dazu.

„Der glücklichste Millionär“ ist eine Arbeit der Top-Komponisten des Tages im Bereich „Musical für die ganze Familie“ * und gehört rein musikalisch zu den besten Partituren der Sherman-Brothers. Für das Werk insgesamt gilt das nicht, aber „Mary Poppins“ und „Das Dschungelbuch“ sind nun einmal schwer einzuholen.
_______________
* Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/05/26/richard-m-sherman/

Veröffentlicht unter Film, Filmmusik / Soundtrack, Musicalgeschichte | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen