Geometrie bei Gilbert Keith Chesterton

betr.: Schreiben für Film, Funk und Fernsehen

Was dem breiten Publikum des Filmregisseurs Wes Anderson als simples Wiedererkennungsmerkmal genügt, um großes Entzücken auszulösen („Hui, einen Film dieses Regisseurs erkenne ich auf den ersten Blick!“), setzte der verstorbene Krimiautor Gilbert Keith Chesterton als raffiniertes Stilmittel ein: Geometrie. Das Raffinement des Zweiteren besteht in der Wichtigkeit dieser Strukturen für das Werk. Während die Geometrie bei Anderson (im Verein mit einer Palette kitschiger Sepiatöne) eine reine Blendgrante ist, hat sie bei Chesterton zumeist große Wichtigkeit für die Handlung, die sich innerhalb dieser Linien und Perspektiven abspielt.
Selten sind sie lediglich reiner Zierrat, um den Text zu eröffnen, etwa hier:


Zwischen dem Silberstreifen des morgendlichen Himmels und dem grünen, glänzenden Streifen des Meeres legte der Dampfer in Harwich an.
 „Das blaue Kreuz“

Diesen Ort der Ankunft werden wir gleich wieder verlassen, um die Charaktere anderswo zu treffen. Doch spätestens diese Begegnung geschieht in einem Ambiente, dessen Beschreibung der Autor eine Präzision angedeihen lässt, die er sonst nur auf das Erscheinungsbild seiner Charaktere verwendet.*

Das Dörfchen Bohun Beacon lag auf einem so steilen Hügel, daß sein hoher Kirchturm nur eine Bergspitze zu sein schien. Am Fuß der Kirche stand eine Schmiede, die gewöhnlich von rotem Feuerschein erleuchtet und immer mit Hämmern und Eisenstücken übersät war; ihr gegenüber, jenseits einer Kreuzung holpriger Wege, befand sich „Der blaue Eber“, das einzige Wirtshaus des Ortes. An diesem Kreuzweg trafen sich beim ersten Schimmer eines bleiernen und silbernen Tages zwei Brüder …
„Der Hammer Gottes“

Irgendwo in Brompton oder Kensington draußen gibt es eine unendlich lange Straße, auf deren Seite sich je eine Reihe großer und stattlicher, aber meist unbewohnter Häuser hinzieht, Häuser, die aussehen wie Grabkammern. Sogar die Treppen, die zu den dunklen Eingangstüren hinaufführen, gleichen denen, wie man sie an Pyramiden findet; und wenn man schließlich vor einer dieser Türen steht, zögert man anzuklopfen, denn man hat das dunkle Gefühl, als müsse einem von einer Mumie geöffnet werden. Noch deprimierender an dieser Straße aber ist ihre unendliche Länge und das monotone Aufeinanderfolgen der grauen Fassaden. Wenn man die Straße so durchwandert, hat man den Eindruck, als komme nie eine Unterbrechung in der langen Reihe der Häuser, nie eine Ecke. Und doch – eine einzige Ausnahme gibt es, und der bedrückte Straßenwanderer begrüßt sie mit erleichtertem Aufatmen. Zwischen zweien dieser Häuser gibt es eine Lücke; sie ist im Vergleich zur Länge der Straße nur ein Spalt, eine Türritze, aber doch groß genug für ein winziges Gasthaus, das die Reichen dieser Straße ihren Stallburschen gerade noch genehmigen. (…) Zu den Füßen der grauen Steinriesen sieht die Schenke wie ein hellerleuchtetes Zwergenhäuschen aus.
„Cäsars Kopf“

„ … Da durchblitzte mich die Vorstellung, ein Unbekannter würde mich von den Dünen her anstarren. Eine Sekunde später glaubte ich doch eher an einen Streich meiner Nerven, denn der Mann war nur als ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont zu erkennen, und es war kaum anzunehmen, daß er mich deutlicher sehen konnte. Was ich sicher erkennen konnte, war eine unbewegte Gestalt, die mit schräg geneigtem Kopf in die Gegend schaute. Es gab keinen logischen Beweis, dass er nach mir ausschaute – vielleicht betrachtete er ein Schiff, das Spiel der Möwen, erfreute sich am Sonnenuntergang oder beobachtete einen der anderen Menschen, die sich am Strand aufhielten. Aber meine Befürchtung erwies sich als richtig, denn als ich nun genauer hinsah, bewegte er sich weit ausschreitend über den nassen Sand geradewegs in meine Richtung. Als er näher kam, konnte ich erkennen, dass er dunkelhaarig und bärtig war und die Augen mit einer dunklen Brille verdeckte. Er war ärmlich aber recht ordentlich ganz in Schwarz gekleidet, angefangen beim alten Zylinder auf seinem Kopf bis zu den festen Stiefeln an seinen Füßen. Ohne auf dieses Schuhwerk zu achten, marschierte er in das Wasser hinein und kam mit der Gleichmäßigkeit eines abgefeuerten Geschosses auf mich zu …“
„Cäsars Kopf“

In dem kühlen, blauen Zwielicht zweier steiler Straßen in Camden Town glühte die Konditorei an der Ecke wie das Ende einer Zigarre.
„Der Unsichtbare“

Das Auto des Mannes war klein und flink, genau wie er. (…) Das Gefühl von etwas Kleinem, Dahinfliegendem wurde besonders deutlich, als sie so in dem ersterbenden, aber klaren Abendlicht die langen weißen Straßenwindungen entlangschwebten. Bald wurden die weißen Kurven schärfer und schwindelerregend. Sie bewegten sich in aufsteigenden Spiralen, wie es in den modernen Religionen heißt. Denn nun waren die beiden wirklich auf dem Gipfel eines Teiles von London, der ebenso steil abfällt wie Edinburgh, wenn er auch nicht ganz so malerisch ist. Terrasse erhob sich über Terrasse, und der Wohnblock, dem sie zustrebten, stieg – von der Abendsonne vergoldet – zu fast ägyptischer Höhe an.
Doch als sie um die Ecke bogen und in das Häuser-Halbrund fuhren, das den Namen „Hymalaiah Mansion“ trägt, änderte sich das Bild so jäh wie wenn sich plötzlich ein Fenster auftut, denn dieser Haufen Mietshäuser lag über London wie über einem grünen Schiefersee. Die buschige Umzäunung auf der anderen Seite des Kies-Halbrunds gegenüber dem Häuserblock glich eher einer Hecke oder einem Damm als einem Garten, und etwas tiefer floss ein künstlich angelegter Wasserstreifen, eine Art Kanal, sozusagen der Wallgraben dieser verborgenen Festung.
„Der Unsichtbare“

Bis in die Auslösung des Rätsels hinein wichtig ist die Topografie des Schauplatzes dieses Abenteuers:

Die beiden Männer tauchten gleichzeitig an den gegenüberliegenden Enden einer Art Galerie auf, die an einem Seitenflügel des Apollo-Theaters in Adelphi entlangführte. Das Licht der hereinbrechenden Dämmerung fiel satt und leuchtend in die Straßen. Im Vergleich dazu war die Galerie dunkel, so daß einer den anderen in der Entfernung nur als schemenhaften Umriß ausmachen konnte.
„Der Mann auf der Galerie“.

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* siehe auch die Reihen „Wohnwelten“ und „So siehst Du aus!“betr.: Schreiben für Film, Funk und Fernsehen

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So siehst Du aus! (5)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Christopher Cerf (1941-) and Michael K. Frith (1941-)
Alligator

Der Bösewicht (eine Parodiecollage der Bond-Schurken Goldfinger, Blofeld und Drax)

Er war klein, maß höchstens einsfünfzig, doch seine Hände, die dem Kellner winkten, waren unförmig, grob und grausam. Seine Gesten beeindruckten durch ihre Präzision und Sparsamkeit. Ein massiger Kopf, groß wie ein Fußball und mit dichtem, rotem Haargeflecht bezogen, hockte wie eine Kröte auf seinen Schultern. Seine großen, blassen, porzellanblauen Augen wischten durch den Raum und saugten jede Einzelheit auf. Sie ruhten kurz auf B*nd, und einen Augenblick lang fühlte er dabei eine unbeschreibliche Spannung, spürte, daß sein Bild sich für immer diesem Mann einprägte, dessen Gehirn mit der Empfindlichkeit einer Fotozelle arbeitete. Die Augen fielen auf, weil sie rund waren wie die einer Puppe und unbarmherzig. Winzigklein schwammen die Pupillen im Weiß des Augapfels, zwei Stecknadelköpfe flammender Energie. Die hohe, klare Stirn war die eines Philosophen, doch die Augen und der Mund mit den wulstigen Lippen kontrastierten seltsam dazu. Alles in allem, dachte B*nd, war es ein ungewöhnlich machtvolles Gesicht.
Er musterte ihn wieder. Irgend etwas an dem Mann störte ihn, aber B*nd konnte es nicht näher definieren.
Der Mann wandte sich an den Kellner, um die Drinks zu bestellen, und als er den Mund öffnete, durchrann B*nd unwillkürlich ein Schauder. Das war es. Das Licht brach sich an den spitzen Zähnen des Mannes. Sie waren aus Stahl.
Die beiden Männer hinter ihm waren Killer oder Leibwächter. Sie sahen roh und blöde aus – ganz offensichtlich Bulgaren.
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https://www.ebay.de/itm/277379685960?msockid=0e9fbe28b56b65de2d80a8bdb4196489

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Notes On A Podcast: From Chinatown To Tinseltown

betr.: 22. Todestag von Jerry Goldsmith

„L. A. Confidental“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von James Ellroy, kam 1998 heraus. Sie ist ein Geniestreich.
Die Handlung trägt sich in den frühen 50er Jahren zu. Regisseur Curtis Hanson erklärte zur Entstehung des Soundtracks, er habe Jerry Goldsmith auf die vielen Songs hingewiesen, die im Film gespielt werden, darunter auch einige Instrumentals von berühmten Unterhaltungsorchestern. Das Underscoring sollte diese „source music“ optimal einbinden. Deshalb habe sich der Komponist für eine Solotrompete entschieden wie sie auch in einigen der Musiktitel ertönt. Zu diesem Ansatz passt das ungewöhnliche Fehlen eines signifikanten Themas in Goldsmiths Partitur; in den Songs gibt es ja genug davon.
Es gibt aber noch eine andere Erklärung für die besondere sinfonische Cool-Jazz-Anmutung des Soundtracks von „L. A. Confidental“. Sujet, Schauplatz, Zeit der Handlung, Starbesetzung, Look und Atmosphäre erinnern nämlich an einen Filmklassiker, der knapp 25 Jahre zuvor entstanden war: „Chinatown“ von Roman Polanski. Auch hierfür hatte Goldsmith die Musik geschrieben. In diesem Fall war er mit einem einzigen Thema ausgekommen, und auch dieser „Main Title“ wurde von einer Solotrompete gespielt. Film und Filmmusik wurden zu Klassikern. Die beiden Soundtracks könnten A- und B-Seite des selben Albums sein (was sich bei Goldsmith nicht von selbst versteht).
Jack Nicholson, der Hauptdarsteller von „Chinatown“, hat sich jahrelang darum bemüht, eine Fortsetzung zu drehen. Nachdem Roman Polanski aus juristischen Gründen von einer Einreise in die USA absah, inszenierte Nicholson den Film schließlich selbst. „The Two Jakes“ erschien 1990, 16 Jahre nach Chinatown, und gilt als missglückt.
In gewisser Weise löst „L. A. Confidental“ diese alte, unerfüllt gebliebene Verheißung ein. Trotz der Abwesenheit solcher Stars wie Nicholson, Faye Dunaway und John Huston kommt auch hinsichtlich schauspielerischer Leistungen keine Trauer auf. Und das alles durchpulst die Musik von Jerry Goldsmith. Sie verbindet nicht nur die alten Songs zu einer Einheit, sie macht aus den beiden Filmen ein Double-Feature.

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Aufguss bitte!

betr.: voereilige Rezension (kurz nach dem Beginn der Lektüre)

Fortsetzung / Vertiefung vom 28.10.2025

Die etwas ermüdende Mode, Biographien in Romanform zu erzählen (und sich bei jeder Nachlässigkeit der Recherche auf den fiktionalen Aspekt dieser Textgattung herauszureden), ist auf dem Buchmarkt ungebrochen erfolgreich. Auch in Film und Fernsehen wird sie emsig gepflegt (dort wohl vor allem deshalb, weil man dann Figuren zeigen kann, die nicht dauernd zum Smartphone greifen).
Wie klug sich diese Masche variieren lässt, ist gerade in „Die Liste der Lebenden“ von Stefan Kutzenberger zu erleben. Er nähert sich seinem Gegenstand, dem dänischen Nationaldichter Hans Christian Andersen, auf Umwegen – inhaltlich wie geographisch. Im Spätsommer 1858 treibt eine Frau nackt inmitten der Trümmer des Dampfers „Austria“ auf einer Tür liegend in den sachten Wellen des Atlantiks. Die Sonne scheint und in Gedanken ist sie in Dänemark.
Henriette Wulff, 53jährig und aus bester dänischer Familie, ist eine enge Freundin Andersens. Auf ihrer Überfahrt nach Amerika, wohin sie auswandern möchte, ist ihr Schiff in Seenot geraten. Zwischen Leben und Tod bleibt ihr nichts übrig, als in Gedanken weiter Briefe an Andersen zu verfassen, ahnend, dass er zu Hause in seiner Schreibstube auch nicht anders kann, als ihr zu schreiben.
Stefan Kutzenberger erzählt die Geschichte einer unerkannten Liebe zwischen zwei Menschen, die erst im Angesicht des Todes begreifen, wie eng sie einander verbunden sind. „Historische Recherche und literarische Imagination gehen dabei eine eindrucksvolle Verbindung ein“, lobt der ORF.

Stefan Kutzenberger, geboren 1971 in Linz, lebt als Schriftsteller in Wien. Für sein literarisches Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet. „Die Liste der Lebenden“ ist sein vierter Roman.
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* https://www.amazon.de/Die-Liste-Lebenden-Stefan-Kutzenberger/dp/3711721672?asin=B0G49JZFWL&revisionId=89295621&format=3&depth=1

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Auf Touren

betr.: „Reisen“ von Felicitas Hoppe

Reisen war einst eine zwangsläufig unbequeme und gefährliche Angelegenheit. Das Wort „Tourist“ existiert erst seit 1772, der Begriff „Tourismus“ seit 1811. Das Reisen zum Vergnügen war zunächst ein Privileg der Aristokratie und der wohlhabenden Kreise. Erst im 20. Jahrhundert konnte sich die breite Masse in ihrer Freizeit auf die Socken machen. Historiker weisen gern darauf hin, dass die wichtigste Voraussetzung für den Massentourismus ein neues Freizeitkonzept war: vor der Erfindung des Wochenendes und des bezahlten Urlaubs war an so etwas gar nicht zu denken.

Die Autorin Felicitas Hoppe hat in der Essay-Reihe des Hanser Verlags über die Dinge des Lebens* das Thema „Reisen“ abbekommen (so auch der verwechslungsträchtige Titel ihres Buches). Reisen bleibt großes Privileg (schließlich kommt zu Geld, Freizeit und Infrastruktur auch die Notwendigkeit von Freiheit hinzu), obwohl die moralische Debatte um den CO2-Fußabdruck immer irgendwie mitfährt. Hoppe, die vor allem auf Dienstreise ist und „seit 30 Jahren keine Urlaubsreise“ mehr unternahm, hat eine Unmenge dazu zu sagen. Sie nähert sich dem Sujet ebenso biographisch / anekdotisch wie rein praktisch wie auch philosophisch. Dass sie sich zunächst als „Stubenhockerin“ bezeichnet, bzw. von sich sagt, vor langer Zeit eine solche gewesen zu sein, könnte man kokett finden. Aber die Autorin zerstreut diesen Verdacht sehr schnell. Sie webt in ihren Text eine Sittengeschichte des Reisens mit ein und spannt einen so weiten Bogen, dass jeder seinen Platz darin findet und sich identifizieren kann. Man möchte (wenn der Kalauer gestattet ist) von einem Panorama sprechen.

„Reisen“ ist das bisher anregendste Buch der Hanser-Reihe, obwohl mir „Altern“ und „Wohnen“ im Alltag spontan viel näher liegen. Eine gescheite, unendlich witzige Lektüre. Spontan würde ich sagen, die witzigste seit „Gefährliche Ferien“ von Goscinny.
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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2026/07/02/wohnwelten-vorwort-teil-2/ und https://blog.montyarnold.com/2024/12/05/elke-heidenreich-altern/.

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Wohnwelten (19): Lems Hilton

betr.: So wohnen literarische Figuren

Fortsetzung vom 9. Juli

Der Ich-Erzähler berichtet von nichts Geringerem als von der Unterbringung der Teilnehmer von Stanislaw Lems berühmtem „Der futurologische Kongreß“.

Böse Zungen (…) behaupteten, das neue Hotel, das die Hilton-Corporation in Nounas gebaut hatte, stünde dauernd leer, und zu dem Kongreß nun sollten außer den Futurologen noch einmal soviel Journalisten anreisen. Da das Hotel noch während des Kongresses vom Erdboden verschwand, darf ich, ohne mich der Schleichwerbung verdächtig zu machen, ruhigen Gewissens sagen: Das Hilton war fabelhaft. Meine Worte haben hier besonderes Gewicht, denn ich bin der geborene Genießer, und einzig mein Pflichtgefühl hat mich dazu gebracht, zugunsten astronautischer Schinderei auf Bequemlichkeiten zu verzichten.
Das Hilton in Nounas schoß von einem flachen, vieretagigen Sockel aus hundertsechs Stockwerke in die Höhe. Auf den Dächern der niedrigeren Gebäudeteile gab es Tennisplätze, Schwimmbecken, Solarien, Karussells, die gleichzeitig als Roulette dienten, einen Schießstand (wo man nach Herzenslust auf ausgestopfte Personen schießen konnte – Sonderanfertigungen binnen vierundzwanzig Stunden) sowie einen Konzertpavillon mit Extraanlage zum Beschuß der Zuhörer mit Tränengas. Ich bekam ein Appartement im hundertsten Stock, von wo aus ich nur die oberste Schicht der Smog-Wolke überblickte, die die Stadt einhüllte. Manches an der Inneneinrichtung machte mich stutzig, beispielsweise eine drei Meter lange Eisenstange, die in einer Ecke des Jaspisbadezimmers stand, ein in Tarnfarben gehaltener Schutzanzug im Schrank sowie ein Sack Zwieback unter dem Bett. Im Bad hing neben den Handtüchern, zum dicken Knäuel aufgerollt, ein typisches Kletterseil für Hochgebirgstouren, und an der Tür entdeckte ich, als ich zum erstenmal den Schlüssel in das Yale-Schloß steckte, ein kleines Schild mit der Aufschrift: „Dieser Raum ist garantiert bombenfrei. Die Hoteldirektion.“

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Summer Of Kult: Die Kultfilme der Science-Fiction

Der Sommer hatte noch gar nicht angefangen, da hatte Deutschland mit um die 40° schon seinen All-Time-Hitzerekord. Und da waren wir im europäischen Vergleich noch gar nicht am schlimmsten dran.
Wir sorgen in der ersten Folge unserer Serie zur Sommerpause für Abkühlung mit einer Reise hinauf ins All.
Und tief hinunter ins Archiv: in unsere erste Staffel „Alle 42 Kultfilme“.

1. Die Kultfilme der Science-Fiction

Schon Robert A. Heinlein hat erkannt: die Zukunft kommt nicht von allein, sie muss gemacht werden.
Die Science-Fiction galt lange Zeit als niedere Gattung, als ein Wegwerfprodukt an sich. Nicht nur in der Literatur, sondern ganz besonders im Kino, wo das Genre nahtlos in die dezent gruseligen Paranoia-Filme der 50er Jahre übergeht – die mit Rieseninsekten, Robotern und Gesteinsmonstern ihren Ruf gefährdeten. Kult war schon immer eine hübsche Methode, die Misfits der Popkultur zu nobilitieren.
So gesehen müsste unsere 1. Staffel, in der wir die amtliche Wuppertaler Kultfilm-Liste behandelt haben, vor Science-Fiction nur so strotzen. Weit gefehlt. Es finden sich darin nur vier solcher Titel. Und sie reichen vom Trash bis ins Elysium der Kinokunst. Per Aspera ad Astra.
Wie sich das gehört, haben Torben Sterner und ich uns ohne Rücksicht auf das offizielle Ansehen der Werke die Frage gestellt: was bringt es, sich diese Filme heute noch anzusehen?

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/die-kultfilme-der-science-fiction

Finsterer Stern / Dark Star
Amerikanische Science-Fiction-Parodie von 1974

Um aus der Umlaufbahn geratene Planeten zu sprengen, sind vier Männer 20 Jahre lang in einem Raumschiff unterwegs, dem deutlich anzumerken ist – so hätte man es damals formuliert –, „dass die weibliche Hand fehlt“. Eine außerirdische Lebensform, die als Maskottchen mitreist, beginnt renitent zu werden. Doch richtig gefährlich wird es erst, als sich eine der intelligenten Bomben gegen die Mannschaft auflehnt …

Auf den ersten Blick zieht der versiffte Erstlingsfilm von John Carpenter vor allem Kubricks „2001“ und den Klassiker „Lautlos im Weltraum“ durch den Kakao – was schon aus Budgetgründen ein kühnes Konzept war. Doch er nimmt das ganze Genre in den Blick. Die Beliebtheit dieser Klamotte vor allem beim studentischen Publikum beförderte die Karriere des Regisseurs. Zuletzt hat sich diese Mechanik umgekehrt. 

Apropos: betrachten wir doch als nächstes den Klassiker, der in besonderem Maße die Vorlage für „Dark Star“ geliefert hat. Er war einer von zwei Filmen des Regisseurs Stanley Kubrick in unserer Liste.

2001: Odyssee im Weltraum / 2001: A Space Odyssey
Englische Science-Fiction-Parabel von 1968

In der Morgendämmerung der Menschheit inspiriert ein kosmischer Monolith einen Urmenschen dazu, einen Knochen als Werkzeug und Waffe zu benutzen. Millionen Jahre später wird auf dem Mond ein ebensolcher schwarzer Quader gefunden. Er zeigt in Richtung Jupiter. Und so macht sich eine Expedition dorthin auf, um sein Rätsel zu entschlüsseln. Wichtiges Mitglied der kleinen Crew ist der Computer H.A.L. 9000. Der entschließt sich unterwegs, seine menschlichen Kollegen auszumerzen, um die Mission vor ihrer Fehlbarkeit zu schützen …

In fast dreijähriger Arbeit schuf Stanley Kubrick einen mythisch gefeierten Beitrag zum Genre des Weltraumfilms – fast handlungslos, ohne Aliens, Raumschlachten und heldenhafte Recken mit Strahlenpistolen. Das rätselhafte Ende wurde ebenso ikonisch, wie die Idee, das Schweben der Raumstation mit dem Johann-Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“ zu unterlegen.

Nehmen wir nun den einzigen deutschen Film in den Blick, der es zu wahrem, zu wirklichem Kult gebracht hat. Dass das fast ein Jahrhundert her ist, macht ihn unter unserem heutigen Gesichtspunkt nur umso interessanter. Noch interessanter wurde er durch die weitgehende Wiederherstellung der Urfassung durch einen Archiv-Fund, an den schon niemand mehr geglaubt hatte. Auf diese Fassung bezieht sich unser Gespräch.

Metropolis
Deutscher Stummfilmklassiker von 1927

Die Zukunftsstadt Metropolis bietet ein sorgloses Leben in Wolkenkratzern und elysischen Gärten. Als der einzige Sohn des Industriediktators Fredersen sich in die Arbeiterin Maria verliebt und ihr heimlich folgt, entdeckt er Schreckliches. Unter der Stadt sorgt eine elende Sklavenkolonie für den Luxus der Stadt. Vergeblich bittet Freder seinen Vater, die Lebensumstände der Arbeiter zu verbessern. Inzwischen erschafft der irre Erfinder Rotwang, der mit Fredersen noch eine Rechnung offen hat, eine Maschinenfrau nach Marias Ebenbild, um mit ihrer Hilfe in der Unterwelt eine Revolte anzustacheln …

Der teuerste Film der deutschen Geschichte ist auch einer der bekanntesten.  Gekürzt für den Weltmarkt und daraufhin jahrzehntelang stark verstümmelt, überlebte er in den 80er Jahren sogar eine bunt angemalte Neuveröffentlichung mit der Disco-Musik von Giorgio Moroder. Architektur, Posen und Kostüme werden seit einem Jahrhundert zitiert und gehören heute zur historischen Bildergalerie des Kinos. Regisseur Fritz Lang verbrachte die Phase des Nationalsozialismus in Hollywood und filmte später in der Bundesrepublik weiter. Doch „Metropolis“ blieb bei aller Fragwürdigkeit der Botschaft seine wichtigste Arbeit.

Den possierlichsten und amüsantesten Film unserer heutigen Auswahl haben wir für den Schluss aufgehoben. Seine Liebenswürdigkeit wird ihm übrigens nicht helfen, soweit es Torben betrifft …

Die Dämonischen / Invasion Of The Body Snatchers
Amerikanischer Invasionsgruselfilm von 1956

Dr. Bennell kehrt etwas früher als geplant von einem Ärztekongress in die Kleinstadt Santa Mira zurück. Den Hilferuf seiner Sprechstundenhilfe tut er voreilig als falschen Alarm ab: den Umstand nämlich, dass sich immer mehr Patienten seltsam seelenlos und geistesabwesend verhalten. Es dauert eine Weile, bis er dahinterkommt, dass eine Invasion außerirdischer Schoten-Wesen im Gange ist, die die gesamte Menschheit gegen Duplikate austauschen wollen. Da ist bereits Bennells engstes Umfeld verseucht …

Atmosphärisch ist dieser Film von Don Siegel mit seinem preiswerten aber geschmackvollen Schwarzweiß-Look und seinen Horror-Elementen ein Schmuckstück des Paranoia-Kinos der 50er Jahre. Inhaltlich ist er so konfus wie es selbst in B-Pictures nicht alle Tage auf einem Haufen zu bestaunen ist. Der Plot, der auf die McCarthy-Ära anspielt, wurde unzählige Male geklaut, und in regelmäßigen Abständen kamen Remakes in die Kinos.

Nächste Woche: der Kultstar Sean Connery auf der Flucht vor James Bond.

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The Odyssee – Die Filmkritik

Monty Arnold, Volker Robrahn und Ronny Fanta besprechen, wie sie den Film erlebt haben:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/the-odyssee

The Odyssee
von Christopher Nolan

Mit Homers „Odyssee“ beginnt die Literaturgeschichte, und auch sonst zeigte sich Regisseur Christopher Nolan von der eigenen Courage angemessen eingeschüchtert: „Wer sich an die ‚Odyssee‘ wagt, übernimmt die Hoffnungen und Träume der Menschen auf epische Filme überall auf der Welt. Das Publikum erwartet von einem Film mit einer beliebten Geschichte und beliebten Figuren starke und aufrichtige Interpretationen.“ Nolan selbst ist mit den Ray-Harryhausen-Trickspektakeln aufgewachsen, vermisst jedoch bis heute eine ernsthafte Aufbereitung der Reise des Odysseus über das antike Mittelmeer, die ihn nach einem zehnjährigen Krieg weitere zehn Jahre von seiner treulich wartenden Gattin Penelope fernhielt: die Begegnungen mit Polyphem, den Lästrygonen, Circe und Athene, den Sirenen, Skylla und Charybdis und all den anderen Unbillen. Ralph Fiennes hat schon eine seriöse Interpretation vorgelegt, doch „The Return“ beschrieb eben nur die titelgebende Heimkehr – und somit gerade mal das Finale dessen, was uns Christopher Nolan mit Matt Damon, Ann Hathaway, Robert Pattinson und Tom Holland nun in knapp drei Stunden zu erzählen hat.

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Abbildung: „Unterwegs mit Odysseus“ – https://www.amazon.de/Unterwegs-mit-Odysseus-komplette-Serie/dp/B00GIXI0PK

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So siehst Du aus! (4)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Ian Fleming (1908-1964)
Feuerball

Ernst Stavro Blofeld

Der Name dieses ungewöhnlichen Mannes war Ernst Stavro Blofeld, geboren am 8. Mai 1908 zu Gydnia als Sohn eines polnischen Vaters und einer griechischen Mutter. (…) [Er saß] in dem stillen Raum am Boulevard Haussmann und suchte nach einem Blick, der dem seinen auswiche.
Die Augen, welche jetzt langsam und forschend die zwanzig Männer betrachteten, wiesen keine Tränensäcke auf, und das Gesicht zeigte keinerlei Anzeichen von Ausschweifung, Krankheit oder Alter. Es blieb weiß und ausdruckslos unter dem bürstenförmig geschnittenen Haar. Das Kinn, obgleich schon mit dem würdevollen Fett der “besten Jahre” versehen, zeigte Entschlußkraft und Selbständigkeit. Nur der Mund unter der plumpen Nase fügte sich nicht in dieses Gesamtbild, das sonst auf einen Philosophen oder Wissenschaftler hätte schließen lassen. Stolz und schmal, war er nur eines falschen, häßlichen Lächelns fähig, voll Verachtung, Willkür und Grausamkeit. Blofeld wog etwa 130 Kilo. Er verbarg seinen umfangreichen Bauch unter weiten Hosen und gutgeschnittenen Zweireihern. In den Bewegungen immer noch rasch, wirkte er für gewöhnlich sehr ruhig. Er trank und rauchte nicht, über sein Sexualleben war nichts bekannt, ja, er aß nicht einmal sehr viel. (…) Langsam fuhr er nun mit beiden Händen unter den Tisch. Die eine legte er flach an den Schenkel, mit der anderen brachte er eine flache Golddose zum Vorschein, legte sie vor sich hin, ließ den Deckel aufspringen und entnahm ihr eine Veilchenpastille, die er in den Mund steckte. Denn Ernst Stavro Blofeld liebte es, unangenehme Dinge mit parfümiertem Atem zu sagen. Nachdem er das Bonbon unter die Zunge geklemmt hatte, fing Blofeld mit sanfter, klingender, schön modulierter Stimme zu sprechen an: …
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https://www.hugendubel.de/de/ebook_epub/ian_fleming-james_bond_09_feuerball-20671863-produkt-details.html

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Was ist eine Charge?

Dieser Ausdruck existiert in vielen Zusammenhänger – etwa im Einzelhandel -, und auch wenn wir uns über seine künstlerische Bedeutung klarwerden wollen, spaltet er sich auf. Am Mikrofon bezeichnet er die verstellte Stimme, also ihre Verfremdung (idealerweise bis zur Unkenntlichkeit) etwa zum Zwecke der Parodie oder der Trickstimme.*
Auf dem Theater ist er Fachausdruck für kleine, mitunter textlose Rollen; legendär ist hierfür der klischeehafte Rufer des Satzes „Die Pferde sind gesattelt!“, der danach sogleich verschwindet und nicht mehr gesehen wird.
Eine Charge kann aber auch einen oder mehrere kurze, sehr prägnante Auftritte haben, die (wiederum mittels Klischee) imstande sind , den Kollegen die Schau zu stehlen. Er kann zum Running Gag werden (wie der fröhliche Sargverkäufer in der Komödie „Schick mir keine Blumen“) oder eine Schlüsselszene (mit-)tragen (wie die ältere Dame, das gleiche Essen bestellt wie es Meg Ryan in „Harry und Sally“ auf dem Teller hat).
Aus dieser Linie gehen Nebendarsteller hervor, deren Name einem nicht einfallen will oder von denen man nicht weiß, wo man sie hinstecken soll.

Die Charge im Kreise ihrerGoons: Karl-Otto Alberty (2. v. l.) in „Ein Käfer gibt Vollgas“

Mein Lieblingsbeispiel für diese Sorte ist der stämmige, blonde bzw. weißhaarige Karl-Otto Alberty(Karl Otto Poensgen), der sogar Zbynek Brynych, seinem Regisseur in „Engel, die ihre Flügel verbrennen“, nicht einfiel, als der ihn im Interview lobte. Als Filmnazi in internationalen Produktionen brachte er es zu Minirollen in prächtigen Genre-Klassikern wie „Gesprengte Ketten“ und „Stoßtrupp Gold“. Rühmlicher für das heutige Publikum dürfte seine Schurkenrolle „Schwede“ im Bud–Spencer-Solofilm „Plattfuß am Nil“ gewesen sein.
Seine vielleicht größte Rolle war der Gangster Marchese de la Sotta in der Fuchsberger-Klamotte „Ein Käfer gibt Vollgas“, die ihm einen ewigen Platz in meinem Herzen gesichert hat. Hier wird er von Reinhard Glemnitz synchronisiert, mit dem er in „Tod im Transit“ zu sehen war, der letzten Folge der Serie „Der Kommissar“.


* Der ST. GEORGE HERALD widmet sich diesem Aspekt ausführlich in den Serien „Geliebte Stimmen“ und „Ixen für Anfänger“

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