geführt von Monty Arnold

geführt von Monty Arnold

betr.: Aus Werkstatt und Labor
Kürzlich traf ich einen jungen Kollegen zum Brainstorming. Er zeigte mir sein Drehbuch für eine Komödie.
Ich sprach ihn auf die Regieanweisungen an, die sehr albern formuliert waren, voller offensichtlicher Pointenversuche. Er reagierte mit der Routine eines Schlawiners, der es gewohnt ist, bei einer gewissen Sache erwischt zu werden. Er meinte, diese Formulierungen dienten dazu, die Darsteller zu inspirieren. Die Regie etwa auch? – Ja, die Regie natürlich auch! Es seien ja nur Angebote, weiter nichts.
Als ich ihm sagte, dass es von den Umsetzenden nicht geschätzt wird, wenn man ihnen zu sehr in ihre Arbeit hineinredet, machte er ein ganz unschuldiges Gesicht, so als wüsste er gar nicht, wovon ich rede.
Ich schaltete einen Gang rauf. Diese Formulierungen seien leider überhaupt nicht witzig und außerdem geeignet, die Wirkung der eigentlichen Texte zu beschädigen. Selbst gute Pointen würden an dieser Stelle nicht funktionieren. Was immer gesagt werden muss, muss im Dialog oder in der Aktion passieren. Denn nur von dort aus gelangt es zuverlässig an den Konsumenten des fertigen Produktes.
Unter uns (das hab ich dem Kollegen lieber nicht gesagt): „witzige“ Regieanweisungen verfolgen in Wahrheit einen ganz anderen, überaus unbescheidenen Zweck. Sie sollen denen, die das Buch später einmal studieren (nachdem der Film ein derartiger Erfolg geworden ist, dass sich Jünger zum Studium einfinden), signalisieren: dieser Autor ist so durch und durch komisch, dass sogar seine Regieanweisungen Spaß machen.
Den machen sie aber nicht.
Sie wirken einfach nur eitel, und zwar auf jeden, der sie liest, angefangen mit den Kollegen, die das Drehbuch umzusetzen haben.
Sie sind unausweichlich und unweigerlich unangenehm.
betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung
Die „Danziger Trilogie“ wird aus drei inhaltlich selbstständigen Büchern des dortselbst geborenen Autors und Literaturnobelpreisträgers Günter Grass gebildet: aus dem Roman „Die Blechtrommel“ (1959), der Novelle „Katz und Maus“ (1961) und dem Roman „Hundejahre“ (1963). Das Grass und David Foster Wallace einander künstlerisch zur Kenntnis genommen haben, ist trotz beiderseitigen Weltruhms nicht anzunehmen. Der folgende Satz aus dem ersten Kapitel von „Katz und Maus“ deutet dennoch auf eine tiefe Seelenverwandtschaft hin.
Der uns erfand, von berufswegen, zwingt mich, wieder und wieder Deinen Adamsapfel in die Hand zu nehmen, ihn an jeden Ort zu führen, der ihn siegen oder verlieren sah; und so lasse ich am Anfang die Maus über dem Schraubenzieher hüpfen, werfe ein Volk vollgefressene Seemöwen hoch über Mahlkes Scheitel in den sprunghaften Nordost, nenne das Wetter sommerlich und anhaltend schön, vermute, daß es sich bei dem Wrack um ein ehemaliges Boot der Czaika-Klasse handelt, gebe der Ostsee die Farbe dickglasiger Seltersflaschen, lasse nun, da der Ort der Handlung südöstlich der Ansteuerungstonne Neufahrwasser festgelegt ist, Mahlkes Haut, auf der immer noch Wasser in Rinnsalen abläuft, feinkörnig bis graupelig werden; doch nicht die Furcht, sondern das übliche Frösteln nach zu langem Baden besetzte Mahlke und nahm seiner Haut die Glätte.
betr.: Die arte-Doku „Jean-Pierre Léaud – Truffauts Alter Ego“
Beim Betrachten der dieser Dokumentation konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich arte – der Sender, der so viele Künstlerbiographien für uns zubereitet – sich manchen Gegenständen mit größerer Zuneigung nähert als anderen. Frühe bewegte Bilder des Jungschauspielers Jean-Pierre Léaud, der dann jahrzehntelang als Antoine Doinel, das Alter Ego seines Regisseurs François Truffaut, auf der Leinwand agierte und mit ihm alterte (zuerst als Halbwüchsiger in „Sie küssten und sie schlugen ihn“) zeigen ein Naturtalent bei Probeaufnahmen, das sich in der Folge als beständige Begabung erweist.
Was haben sich die Macher des Films wohl dabei gedacht, einige heutige Schauspielschüler mit seinen Bildern zu konfrontieren, sie seine Posen und Schlagworte nachahmen zu lassen? Ihre übereifrig-gutwilligen, aber linkischen und bei allem Liebreiz farblosen Auftritte machen Léauds natürliches Spiel nur umso verblüffender – ein Beleg, dessen es nicht bedurft hätte.
Jean-Pierre Leáud ist keine reine Pubertätsbegabung wie sein deutscher Kollege Thomas Ohrner („Timm Thaler“) eine Generation später. Und anders als – noch später – dem wiederum sehr fähigen Kinderstar Jamie Bell („Billy Elliot“), war es Leáud vergönnt, dass noch zahlreiche weitere Filme von gleichbleibend hohem Niveau ihm ein Weiterleben und –gedeihen vor der Kamera ermöglichten (neben Truffaut hat sich auch Jean-Luc Godard eine Zeitlang seiner Möglichkeiten bedient).
Der frühe Tod seines Freundes und Förderers Truffaut muss ihn daher ganz besonders getroffen haben – ihn und seine Arbeit.
Nachdem uns die Eltern des Jungen kurz vorgestellt worden sind – zwei recht malerische Figuren mit filmkünstlerischem Background – erfahren wir nichts weiter über sie, und auch der Mensch Jean-Pierre bleibt ein vollkommenes Rätsel. In der Doku erleben wir ihn nie annähernd privat (also etwa in einer Homestory oder einer enthüllenden Reportage), nur im Rahmen der Promotion für seine Filme. Dem heutigen Betrachter erscheint er in seinen späten Jahren seltsam planlos, entwurzelt und uninspiriert. Im Filmausschnitt einer seiner Altersrollen wirkt er verwirrt oder doch wenigstens betrunken. Die Fachliteratur erinnert uns daran, dass Léaud (wie so viele schlichtere Gemüter der Branche) die hilflose Flucht in die Exzentrik ergriffen hat. Es bleibt der Eindruck eines verwunschenen Geschöpfes, das außerhalb seiner Kunstfigur(en) keine gute Zeit hatte.
Es ist ein anrührender Effekt, der hoffentlich trügt.
betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung
Der folgende Satz mag inhaltlich veraltet sein (Digitalisierung ist hier noch „Neuland“), doch seine komplexe Aufzählung bleibt ein dankbares Übungsbeispiel.
Die moderne Kommunikationstechnologie läuft dort zu ihrer Höchstform auf, wo sie ihre Arbeit gleichsam unterirdisch verrichtet, den Menschen vom Kommunizieren befreit und, wie ein ergebener und umsichtiger Diener, ihm das Ergebnis auf dem Silbertablett präsentiert: wenn der Frühmorgenflug von Frankfurt nach London wegen Nebel zwei Stunden später startet, erhält der total vernetzte Passagier die Mitteilung nach Hause gleich so, dass sein Wecker zwei Stunden später klingelt, Kaffeemaschine und Toaster sich später einschalten und das bestellte Taxi ebenfalls später kommt – und das alles, ohne dass unser Passagier herumtelefonieren müsste.
betr.: „Klassik-Pop-et cetera“ im Deutschlandfunk
Die dankenswerte Wiederholung der Sendung, in der Rudi Carrell eine eigene Musikauswahl präsentiert und aus seinem Leben erzählt, dürfte niemand freiwillig versäumt haben, der in meinem Alter ist. Die Aufzeichnung stammt aus dem Jahr 1978, in dem sich Carrells Genie als Stallmeister der Samstagabend-Unterhaltung auf dem Höhepunkt befand. Sein aktuelles Format „Am laufenden Band“ war und bleibt eine einsame Spitzenleistung innerhalb und jenseits seiner Werkschau. Und es war das Jahr, in dem ich endgültig beschloss, keine dieser Sendungen mehr versäumen zu wollen.
Heute halte ich es mit „Klassik-Pop-et cetera“ ebenso, und wieder setzt sich Carrell bescheiden an die Spitze der meisten seiner Vorredner.
Neben seiner großartigen Musikauswahl sind es die teils persönlichen, teils historisch / teils fachlich hochinteressanten Dinge, die er zu erzählen hat.
Sogar die kleinen Widersprüche machen Freude und schärfen den Geist.
So erzählt Carrell zu Beginn, er habe sein geliebtes Heimat-Örtchen zwanzig lang nicht besucht. Das bedeutet, dass seine musikalische Liebeserklärung an Alkmaar (1963 im niederländischen Fernsehen) in diese große Pause fällt. – Das Lied war übrigens eine Neubetextung von „Dear Old Syracuse“ aus der Show „The Boys From Syracuse“ (1938), die in London gerade ein Revival erlebte – unzweifelhaft hat Carrell sie dort erlebt und gleich in seine Show eingebaut.
Die Moderation, in der er von der Bedeutung des klassischen (!) Broadway-Musicals für seine Arbeit spricht, ist eines von vielen Kabinettstückchen der Sendung. Er berichtet von seiner besonderen Liebe zu Yves Montand und Marlene Dietrich, und natürlich ist Frank Sinatra für ihn der Größte. Er lässt diesen „Soliloquy“ aus dem Musical „Carousel“ singen, und ich verstehe seine Aussage, dies sei sein Lieblingstitel in seiner gesamten Sinatra-Plattensammlung (obwohl ich bei diesem Song die Interpretation von Gordon McRae vorziehe). Ebenso entzückt war ich vom Wiederhören mit „What Kind of Fool Am I?“ (leider ebenso wie „Soliloquy“ brutal gekürzt und ausgeblendet – siehe unten), ein Song den Carrell „seit 1962 liebt und erst heute wirklich versteht“ (also seit er – so liegt nahe – die Ur-Inszenierung des Musicals „Stop The World – I Want To Get Off“ wiederum im West End gesehen hatte). In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant, dass Sinatra das Lied zu jenen zählte, die er niemals singen würde, weil er sie überhaupt nicht nachvollziehen könnte …
Es spricht einiges dafür, dass meine intellektuelle Rührung nicht jeden befällt, der Carrell zuhört. Die Sendungs-Homepage des DLF spricht etwas verlegen von einem „schmachtenden Herbst-Gruß“, der durch den Äther ginge. Aber muss man die Sendung deshalb so rüde zusammenkürzen (man hört jeden Schnitt!), nur um dafür die Erkennungsmelodie zweimal komplett durchlaufen zu lassen? Nicht falsch verstehen: ich liebe Horst Jankoswki und sein tolles Sendungs-Indikativ, aber für seine erschöpfliche Präsentation auf Kosten von Text und Musik des Studiogastes gab es zuletzt an anderer Stelle bessere Gelegenheiten.
betr.: Sprechen Am Mikrofon
Unser Timing ist stark davon abhängig, ob wir mit dem ganzen Körper agieren (uns also physisch im ON befinden) oder „nur“ mit der Stimme.
Auf der Bühne sprechend – zu einem gleichzeitig anwesenden Publikum – haben wir immer das Gefühl, etwas langsamer zu sein als wir es tatsächlich sind.
Wer sich dieses Umstandes nicht bewusst ist (vor allem Berufsanfänger und besonders eitle ältere Kollegen), der fällt dem Betrachter als zu langsam auf.
Am Mikrofon – ohne anwesendes Publikum und nur auf einen einzelnen Zuhörer ausgerichtet – sind wir hingegen zu rasch und müssen zu Beginn unserer Beschäftigung mit dem Lesen vom Blatt immer wieder ermahnt werden, uns nicht so sehr zu beeilen.
Die Gründe für dieses kuriose Phänomen sind einleuchtend. Hier soll uns aber nur Variante 2 beschäftigen: die seltsame Unrast am Mikrofon.
Beginnen wir mit einer Beobachtung, die wir alle schon gemacht haben: Schnellsprecher bilden sich etwas darauf ein, schnell sprechen zu können. Umgekehrt hat noch niemand damit geprahlt, besonders langsam sprechen zu können, dabei ist das viel komplizierter.
Wer schnell spricht, ist stolz darauf, schneller zu sein als die imaginierte Konkurrenz – eine evolutionäre Programmierung, die wir noch heute überall im Alltag antreffen, ganz besonders bei Wettkämpfen aller Art (Sport, Quizshow, kindisches Benehmen auf dem Schulhof …).
In der Zeit des linearen Fernsehens hat sich der Moderator der „ZDF Hitparade“, Dieter Thomas Heck (ein ehemaliger Stotterer) damit hervorgetan, seinen abschließenden Schnelldurchlauf fehlerfrei herunterrattern zu können, und auch sonst liebte er seine Rede hart und zackig. Unter seinen Stammgästen befand sich übrigens der Schlagersänger Tony Marshall, der das auch gut zu können glaubte. (Auf Schnellsprech-Machtkämpfe ließ sich Marshall aber nur bei ungefährlicheren Gegnern ein, etwa Rudi Carrell.)
Einige meiner Sprecherkollegen haben tatsächlich damit angegeben, wie schnell sie den berühmten Satz „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“ sauber hersagen können – wohlgemerkt: im Kollegenkreis.
Bittet man einen Vorleser, schneller zu sprechen, wird er das auf der kurzen Strecke (nicht mehrere Sätze hintereinander vom Blatt lesend) sicher hinbekommen. Und er wird sich dabei angenehm gefordert fühlen. Wir können uns auf seinen optimistischen Ehrgeiz – also auf das Anspringen des beschriebenen urmenschlichen Reflexes – verlassen.
Bittet man ihn jedoch, langsamer zu lesen, befällt ihn großes Unbehagen. Es setzt sich eine ganze Abfolge von Reaktionen auf etwas in Gang, was er allgemein als unnatürlich empfindet.
Die meisten Sprecher jeglichen Alters, die ich im Unterricht um Verlangsamung bitte, reagieren, als hätte ich etwas Ungehöriges oder Widerwärtiges von Ihnen verlangt. Da davon ja keine Rede sein kann (was sogleich jedem klar ist), versucht man es dann mehr schlecht als recht. Es werden Tricks angewandt, die nicht funktionieren. Als erstes wird versucht, den Sprachfluss durch Pausen auszubremsen und dazwischen umso hastigere kleine Texthäufchen zu machen. Wenn wir das gemeinsam als sinnlos erkennt haben, kommt stets das Argument: „Ich merke gar nicht, dass ich zu schnell spreche.“
Niemand kommt auf die Idee, die Vokale zu dehnen. Und selbst wenn ich diesen Hinweis gebe (es zur Not sogar vormache), erscheint das Herabsenken des Tempos als eine Zumutung und als ein exotisches Kunststück.
Man muss es sich trotzdem aneignen. Es ist nicht nur eine Technik, auf die in der Praxis niemand verzichten kann, der sich professionell wähnt. Es ist überhaupt die Voraussetzung für die inhaltliche Erfassung des Textes, von der hier schon so häufig die Rede war.
Warum wir es als Zuhörende ganz und gar nicht mögen, wenn der Vortrag zu schnell ist, liegt auf der Hand: wir müssen uns unnötig anstrengen, um mitzuhalten. Zusätzlich überträgt sich die Schinderei des archaischen Wettläufers am Mikrofon unmittelbar ins Auditorium. Wir fühlen uns alle miteinander unwillkommen.
Das Faxgerät war – ebenso wie der MiniDisc-Player – eine großartige Erfindung (ein viel besserer Ersatz für eine ältere Technik), kam aber so spät, dass es bald wieder veraltete und heute den Wenigen als Kuriosität erscheint, die sich überhaupt daran erinnern.
In seiner Ausgabe 43 / 1974 widmete der „Der Spiegel“ dem gerade konkurrenzfähig gewordenen „Fernkopierer“ namens „Telefax“ einen Artikel. Dank neuartiger Mikrochips ließen sich durch die bestehende Telefonleitung Schwarzweißbilder „originalgetreu und sekundenschnell über jede Distanz“ übertragen. Das Lob war aber in mehrfacher Hinsicht übertrieben: die Bilder waren in kleine Klötzchen zerstückelt, Grautöne (wie etwa bei Raster-Aufnahmen) gab es nicht, und die Übertragung konnte bis zu mehreren Minuten dauern. Auch musste man das Ergebnis auf sich kringelndem Thermopapier betrachten, das bei längerer Lagerung wieder verblasste. Als die Normal- oder Echtpapier-Faxgeräte Einzug hielten, war die Technologie bereits im Begriff, von der E-Mail verdrängt zu werden, das war Mitte der 90er Jahre.
Dabei hatte die Technik wirklich etwas für sich. Ihr direkter Vorläufer, der sperrige Fernschreiber, existierte nicht als Heimgerät, sondern war nur auf Polizeiwachen, in Amtsstuben und Zeitungsredaktionen anzutreffen. Jahrzehntelang tat dieser Apparat dort zuverlässig Dienst – mit Lochpapier und ohne die Möglichkeit, Abbildungen zu vermitteln. Die Texte mussten direkt in das absendende Gerät eingetippt werden.
Der Siegeszug des Faxgerätes wurde – wie üblich bei solchen Novitäten – zunächst durch einen Streit der Systeme verzögert. Schließlich setzte sich ein japanisches Modell durch, da Siemens nicht an die Technologie glaubte.

Dieses Technik-Gespenst steht immer noch vielfach herum, ohne länger in Gebrauch zu sein.
Das Wort „Fax“ leitet sich von „Faksimile“ ab. Davor wurde es nur von Rolf Kauka verwendet, dessen Helden „Fix und Foxi“ bei einem Onkel dieses Namens wohnten. (Ausdrücklich zu unterscheiden von dem damals gebräuchlichen Wort „Faxen“ für „Ungebührlichkeiten, Albernheiten, dummes Zeug“, das über keinen Singular verfügt.)