Die wiedergefundene Textstelle: Unspoken Thoughts

In den siebziger Jahren arbeitete ich an einem kleinen Tisch, der im Schlafzimmer meiner Wohnung stand. Ich schrieb mit der Hand, mit einem Füllfederhalter. Dann fertigte ich einen ersten Entwurf mit der Schreibmaschine, zeichnete das Typoskript aus und tippte das Ganze noch einmal ab. Einmal habe ich eine professionelle Schreibkraft engagiert, um die Endfassung tippen zu lassen, aber da hatte ich das Gefühl, mir würde Etliches entgehen, das ich noch geändert hätte, hätte ich die Arbeit selbst erledigt. Mitte der Achtziger ließ ich mich voller Dankbarkeit zur Computerei bekehren. Textverarbeitung ist intimer, funktioniert mehr wie das Denken selbst. Im Rückblick erscheint mir die Schreibmaschine wie ein grober mechanischer Störfall. Mir gefällt der provisorische Charakter des unausgedruckten Materials, das im Speicher des Computers wartet – wie ein unausgesprochener Gedanke. Es gefällt mir, dass Sätze oder ganze Abschnitte immer wieder überarbeitet werden können und dass diese zuverlässige Maschine alle meine kleinen Notizen und Mitteilungen an mich selbst getreulich aufbewahrt. Bis sie, versteht sich, zu schmollen anfängt und abstürzt.

Der Schriftsteller Ian McEwan 2002 im Gespräch mit Adam Begley

Veröffentlicht unter Literatur | Verschlagwortet mit , | Schreibe einen Kommentar

Mr. Jones, warum haben Sie das gemacht?

betr.: Kent Jones‘ Doku „Hitchcock/Truffaut“

Nur wenige Buchstaben trennen Kent Jones, einen offensichtlich sehr uninspirierten Dokumentarfilmer, von Ken Burns, der auf dem nämlichen Gebiet einer der Fähigsten und Fleißigsten ist. Es ist unmöglich, diesen Kalauer niederzuhalten, wenn man der Doku „Hitchcock/Truffaut“ ansichtig wird – noch so eine unselige Namensgebung, zitiert sie doch den Titel des berühmtesten Gesprächs der Filmgeschichte, das in Buchform „Truffaut/Hitchcock“ heißt (im Deutschen viel angemessener / amüsanter „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“). Die Phrase, das Buch sei mal wieder besser als der Film, verbietet sich trotzdem, denn wie müsste eine „Verfilmung“ von Truffauts Bestseller aussehen (mit all den verzeihlichen Verkürzungen, die ein solcher Transfer naturgemäß mit sich bringt)? Eine halbstündige TV-Doku hat es vor Jahren vorgemacht, auf DVD-Bonus-Sektionen wird es hin und wieder als kleine Fingerübung gemacht: man lässt Passagen aus dem Tonbandprotokoll des Gesprächs laufen, einfach laufen, und illustriert sie mit den launigen Interview-Fotos, mit Storyboard-Auszügen und natürlich mit Filmclips. Das wäre das Leichteste von der Welt, und es würde beim Zuschauen das allergrößte Vergnügen bereiten.
Als positiv denkender Mensch hatte ich auf genau so etwas gehofft. Ich kenne das Buch so gut, dass ich nichts Neues gelernt hätte (so wie mir das regelmäßige Wiedersehen von Hitchcocks Filmen nichts inhaltlich Neues verrät), und ich hätte (genau wie dort) eine herrliche Zeit gehabt.
Was tut Jones? Er lässt nur Sekunden aus der erwähnten Aufnahme erklingen. Stattdessen kommt eine stattliche Zahl berühmter Kinoregisseure zu Wort. Leute von heute, die schon aufgrund ihrer Jugend nicht als Zeitzeugen taugen: Wes Anderson, James Gray, Olivier Assayas, Richard Linklater, Kiyoshi Kurosawa (wohlgemerkt Kiyosjhi, nicht Akira …). Analytisches oder sonstwie Erhellendes haben sie nicht zu berichten, nur die üblichen Marketing-Bekenntnisse von der unbestreitbaren Prominenz des Meisters. Dass es sich bei ihrer Lobhudelei eben um lupenreine Hudelei handelt, lässt sich schon an ihrer Arbeit ablesen, die keinen von ihnen als persönlichen Hitchcock-Fan ausweist. Wenige alte Hasen sind darunter: Paul Schrader, Peter Bogdanovich, Martin Scorsese. Letzterer spricht eher von sich selbst, wenn er sagt, es sei eine Freude gewesen, Hitchcocks Filme gesehen zu haben, als sie einst gestartet sind. Das ist die einzige wirkliche Information, die wir an diesen Abend erhalten (und auch sie hätte man sich ausrechnen können).
So verrinnen kostbare 79 Minuten. Ärgerliche 79 Minuten.

Veröffentlicht unter Film, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Anhören, ehe es zu spät ist!

betr.: „Altern“ von Elke Heidenreich

Über das Altern zu reden, ist schon deshalb frustrierend, weil es sich nicht ändern lässt. Und dass in unserer Zeit der Hygiene und der fortschrittlichen Medizin immer mehr Leute etwas dazu zu sagen haben, macht die Sache auch nicht besser: die meisten reden (und schreiben!) ja bekanntlich nur Blödsinn.
In Elke Heidenreichs neuem Buch, dem Essay „Altern“, geschieht etwas Unglaubliches: nicht nur schreibt sie selbst viel, viel Erbauliches, sie zitiert auch viel Bemerkenswertes darüber aus ihren Lieblingsbüchern. „Altern“ macht richtig Spaß.
Der NDR, der seine beiden Hörbuch-Rubriken „Am Abend …“ und „Am Morgen vorgelesen“ besonders widerwillig ins Netz stellt – abrufbar nur für sieben Tage – ist so gesehen ein angemessener Rahmen für Heidenreichs Text: fast noch vergänglicher als das Leben selbst.
Noch an diesem Wochenende kann man die gekürzte Autorenlesung vollständig nachhören. Und auch wenn man danach zweieinhalb Stunden älter ist: es wird sich gelohnt haben!

Bild: NDR-Homepage

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Hörfunk, Literatur, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Wie wird man ein Fragezeichen?

betr.: 61. Geburtstag von Jens Wawrczeck

Der Schauspieler und Hörspielsprecher Jens Wawrczeck hat es mit einigen seiner Arbeiten zu Prominenz und einer großen Fangemeinde gebracht. Hin und wieder wird er bei Autogrammstunden gefragt, wie er das denn geschafft habe und wie „sowas geht“. Er pflegt zu erwidern, das wisse er nicht. Es ist eine ehrliche Antwort.
In seinem Buch „How to Hitchcock“ erfahren wir nicht nur viel über den titelgebenden Filmregisseur und größten Entertainer des Medienzeitalters, wir erleben auch, wie Jens sich in seine Branche hineingearbeitet hat – ganz ohne die Protektion eines reichen, gut vernetzten oder schlichtweg kunstsinnigen Elternhauses. Insofern kann man das autobiographische Kapitel „Der innere Kompass“ – mit all den obligatorischen Punkten, die sich nicht im Sinne eines Taschenbuch-Ratgebers nachleben lassen (angefangen mit der entzauberten Welt, in der wir mittlerweile leben) – auch als Antwort auf die Frage seiner ambitionierten Fans lesen. Es ist, wie Jens im Untertitel schreibt, „Ein Kapitel, in dem ich ein wenig vom Thema abschweife. Und immer wieder zu Hitchcock zurückfinde“.

Jeder von uns wird bei der Lektüre ab und zu denken „genau wie ich!“, um dann an anderer Stelle weniger fröhlich festzustellen, dass er dies und das wohl anders angefangen hätte.
Hin und wieder verquickt sich auch beides miteinander. Im meinem Falle etwa an einer Stelle über Jens’ Zeit als Schüler am legendären „Strasberg Institute“: „Ich erinnere mich, dass Ruth, ein Mädchen, mit dem ich (…) an verschiedenen Szenen arbeitete, meinen Akzent damals besonders elegant fand. Es mag an den Filmen gelegen haben, die ich damals im ‚Regency‘ sah. Nach einer umfangreichen BetteDavis-Retrospektive klang ich, als wäre ich in einem Schwarz-Weiß-Film aufgewachsen.“

Veröffentlicht unter Film, Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Cooler Swing von oben herab

betr.: 67. Geburtstag von Götz Alsmann (morgen)

Wer schlau ist, kennt das Problem: alle anderen sind dümmer.
Und wer so schlau ist wie Götz Alsmann – im allerbesten Sinne universal gebildet, dazu noch gescheit, geistreich, kreativ und gut gekleidet – der lebt irgendwann in einer Hölle der Verblödung und des allgemeinen Niedergangs.
Wenn man den traurigen Zustand der Welt bedenkt, und er ist unbestreitbar und selbst für weniger schlaue Köpfe wie mich kaum auszuhalten, dann muss man die bei aller Künstlichkeit aufrichtig wirkende Fröhlichkeit dieses Mannes anerkennen. Wiederum ganz aufrichtig und ohne Ironie.
Sie ist ja auch kein Wunder.
Seit Schul- und Studienzeiten erntete Götz Alsmann mit all seinen Projekten große Resonanz, zumeist sogar Bewunderung. Dass er ein sehr fähiger Jazzmusiker ist (wenn wir seine gesanglichen Bemühungen mal beiseitelassen), verschaffte ihm verdienten Respekt, gute Kontakte und komplettierte ihn zum Entertainer. Gemeinsam mit dem schon erwähnten Esprit ließ es ihn frühzeitig zu einem gutbezahlten Moderator des alten öffentlich-rechtlichen Studiosystems aufsteigen – mehr geht nicht in der alten BRD.

Und wieder kommt Götz Alsmanns Schlauheit zum Zuge. Im Gegensatz zu den meisten anderen Prominenten, die allen Grund hätten, sich über das Erreichte zu freuen und es zu genießen, bleibt er (im o.g. Sinne) heiter. Er blamiert sich nicht mit dem substanzlosen Opa-Gemecker schlichterer in ihrer Eitelkeit gekränkter deutscher Größen vom Schlage Götz George, Helmut Kohl, Til Schweiger, Klaus Kinski (Augen auf bei der Berufswahl: Musik ist einfach ein hübscheres Lebensthema als Politik oder der Deutsche Film).

Götz Alsmann im großen Studio mitten in der Stadt (dem WDR-Funkhaus). Meistens hat er einen kürzeren Arbeitsweg. Foto: WDR-Homepage

Wie kommt es dass ein solcher Tausendsassa letztlich mit all seinen Versuchen versandet ist, als Solo-Moderator im Fernsehen Karriere zu machen – was die Krönung seines Ego-Darwinismus gewesen wäre (und ihm hätte so passen können, da gibt es keinen Zweifel)?
Es könnte an seinem unentwegt zur Schau gestellten Zynismus liegen (den er auch jenseits der Bühne nicht ablegt), an seiner vollständigen Unwilligkeit, irgendjemanden neben sich gelten zu lassen. Denn alle anderen Menschen sind ja bekanntlich dümmer als er (und Klavierspielen können die meisten auch nicht!).
Götz Alsmann ist pfiffig genug, die Begrenzungen seines Personalstils nachträglich zu erkennen und ihre Konsequenzen zu parieren. Seinen größten Erfolg im Fernsehen, die furios amüsante WDR-Show „Zimmer frei!“ (1996-2016) musste er an der Seite der tutigen Christine Westermann feiern, was für den geschliffenen Gockel fraglos eine Zumutung war. Er hat unzweifelhaft angenommen, die Kollegin mit seiner sprühenden Bosheit nach wenigen Wochen als überflüssiges Schwenkfutter aus der Sendung heraussitzen zu können. Doch Westermann ließ sich nicht einschüchtern (sie kannte den Kollegen ja schon aus’m Sender) und erwies sich in ihrer Kunst, auch Scharfes abtropfen zu lassen, als Role-Model für Angela Merkel. Außerdem zeigte sich, dass es genau die Mischung dieser beiden Temperamente war, die Götz Alsmanns Nihilismus soweit neutralisierte, dass man ihn vor dem Bildschirm für einen Scherzbold halten konnte. Er ist alles andere als das.
Glauben Sie mir: in einem „Zimmer frei!“ ohne Westermann wäre uns das Lachen gleich wieder vergangen.

Regelmäßig und seit gefühlten Jahrhunderten moderiert Götz Alsmann seine fundierten, aber betont beiläufig präsentierten Jazz-Sendungen im WDR. Nicht erschrecken: es sind keine sektiererischen Formate! Er spricht von „Jazz und Jazz-ähnlicher Musik“ und wendet sich an Leute, „die Easy Listening nicht auf die leichte Schulter nehmen“. Das klänge aus dem Munde jedes anderen kokett, doch bei Götz Alsmann weiß man sich in den besten Händen. Umgeben von der Musik von André Previn, Henry Mancini und Harry Warren hat sein Weltekel plötzlich nichts mehr, woraus er sich speisen könnte. Sogar der Pfeilgiftfrosch am Amazonas wäre ja nicht tödlich, wenn er sich nicht von giftigen Pflanzen ernähren würde; er wäre dann einfach ein bemerkenswert buntes, geradezu hübsches Tierchen. „Im kleinen Studio am Rande der Stadt“, das Götz Alsmann bequem von seiner Villa aus zu Fuß erreichen kann, versiegt seine Giftspritze. Es bleibt nur das Gescheite und Gewitzte übrig. Und seine Liebe zur Musik.
So fügt sich alles wundersam und trefflich: ein weniger prominenter Mensch als er dürfte (regulär und abseits irgendwelcher „Anlässe“) so gute Platten gar nicht im Radio auflegen.

Veröffentlicht unter Fernsehen, Hörfunk, Musik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Der Ich-Erzähler und Du (3)

betr.: Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon

Über die Herausforderung, einen Ich-Erzähler zu gestalten

Fortsetzung vom 6. April 2024

Die beschriebene Struktur der „Schachtel in der Schachtel“ wird schon im Schriftbild deutlich: in Form der einfachen Gänsefüßchen. (So ungern ich solche Zeichen selbst setze, so hilfreich finde ich sie beim Lesen).

Bereits in Sherlock Holmes‘ Debüt-Fall „Eine Studie in Scharlachrot“ kommt es zu einer ausführlichen Dialogsituation, die wir nachträglich und aus zweiter Hand serviert bekommen. (Genaugenommen ist es sogar die dritte, da Dr. Watson ja der Erzähler ist. Aber das ist zu vernachlässigen, da Watson sehr im Hintergrund bleibt und sich verhält wie sein eigener erster Leser.)

Dieser kleine Ausriss ist nur der Anfang. Watson / Doyle gönnt der unsympathischen Nebenrolle „Tobias Gregson“ einen durchgehenden Monolog über dreieinhalb Seiten. Er verzichtet sogar auf die obligatorischen Einschübe, die uns wie kleine Weckrufe immer wieder daran  erinnern, wo wir sind (in einer Rückblende). Der Autor vermeidet also Sätze wie „Er machte eine Pause und rieb seine Hände aneinander, so dass ein schabendes Geräusch entstand.“ oder „Seine blinzelnden Augen fixierten unverwandt einen kleinen Wasserfleck an der Decke seines Büros, der ihm in drei Jahren nie aufgefallen war, ehe er unbeirrt fortfuhr …“.
Nichts gegen solche Einschübe – bei guten Autoren sind sie sehr vergnüglich und niemals reine Zeilenschinderei von der Sorte „Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Er setzte sich wieder und fuhr fort …“.
Doyle tut eher zu wenig, um zwischen „allwissendem“ und „subjektivem Erzähler“ zu unterscheiden (also den tratschenden Charakter innerhalb der Erzählung mit einem persönlichen Sound zu kennzeichnen).
Aber wie gesagt: wenn wir vom Blatt lesen, haben wir diese Details ohnehin nicht zu bewerten; wir nehmen sie so wie sie auf den Tisch kommen.
Je weniger der Verfasser selbst darauf achtet, den Stil des Erzählers im Erzähler zu pflegen, desto wichtiger ist es, dass wir es beim Vortrag tun. Wir müssen Gregson eine eigene Stimme geben, um danach mit unserer eigenen fortzufahren.

Veröffentlicht unter Buchauszug, Krimi, Literatur, Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Komik, Action und Destruktion (1)

Von der Verwandtschaft des Actionfilms mit der Slapstick Comedy

Seine humorvollste Zeit hatte der Film in seiner stummen Frühphase. Das amerikanische Slapstick-Kino erhöhte die Zahl der Lacher noch, die seine französischen Vorbilder hervorgerufen hatten, durch halsbrecherische Verfolgungsjadgen und irre Stunts (welche von den sonnigen kalifornischen Außenaufnahmen profitierten) und natürlich durch Sahnetorten. Mancher Filmfreund ist der Meinung, dass selbst der hinzukommende Dialogwitz (etwa in der Screwball Comedy der 40er Jahre) nicht mehr zu dieser Höhe des Witzes hinaufgekommen ist, aber da muss man sich nicht festlegen.
Ein Dreivierteljahrhundert später etablierte sich ein Genre, das auf den ersten Blick wenig damit zu tun hat: der Actionfilm. Er wurde in den 80er Jahren zu einem Phänomen des Mainstreams, feierte 1991 mit „Terminator 2“ seinen künstlerischen Zenit (der von einem kommerziellen Erfolg begleitet war) und verschwand in einer Nische, in der er bis heute gut gedeiht.
Dieser Essay will der Verwandtschaft dieser beiden so ungleichen Gattungen nachspüren.

Der deutsche Filmhistoriker Joe Hembus stellte und beantwortete einmal die Frage, „warum es so komisch ist, wenn immer alles restlos kaputtgeht“. Dabei dachte er nicht etwa an Schauspieler wie Arnold Schwarzenegger (dessen Neudefinition des eigenen Genres als „Aktschfuim“ er nur in ihren Anfängen miterleben sollte).
Ab 1975 schrieb Hembus für das ZDF eine Reihe von Einführungstexten in das Werk von Laurel & Hardy (die Theo Lingen dann vortrug). Darin heißt es: „Der tiefe Sinn jeder Komik ist es, die aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung zu bringen; damit das aber geschehen kann, muss erst einmal tabula rasa gemacht werden; das heißt, alles, was die Harmonie der Welt stört, muss erst einmal radikal abgeräumt werden, in einem Akt der Befreiung, der erleichtert und erheitert.“

Dann zitiert Hembus den französischen Professor Étienne Fuzellier, der in seinem Essay „Die Komik der Destruktion“ (erschienen in der Zeitschrift „Das neue Zeitalter“ vom Juli 1955) unter besonderer Berücksichtigung von Laurel & Hardy, den Marx Brothers und Franz Kafka schreibt: „Das Destruktive ist die Quintessenz des Komischen. Meiner Ansicht nach ist das Lachen das Anzeichen einer intellektuellen Überlegenheit, der Freude, die einem ein Vernichtungsurteil bereiten kann. Der Urheber der komischen Handlung ist unser Delegierter und unser Rächer: wir vernichten mit ihm und durch ihn das, was uns schockiert oder stört. Der Zuschauer ist der Komplize der Zerstörung, und sein Lachen signalisiert die Genugtuung, die Personen, Gegenstände oder Prinzipien, die er verurteilt, zerstört zu sehen.“

Dieses befreite, befriedigte Lachen über die angerichtete rächende Verwüstung lässt sich besonders schön im Finale von „Die Harder“ erleben, dem zweiten der „Stirb Langsam“-Actionfilme mit Bruce Willis. Als die fliehenden Terroristen in ihrem Flugzeug in Flammen aufgehen, lässt sich der geschundene Held in den Schnee des Rollfelds zurücksinken und freut sich wie ein Kind. Er jubelt und lacht so ungehemmt (und sicher im Gleichklang mit den Kinopublikum von 1990) über den Tod seiner Feinde wie er es heute nicht mehr tun dürfte: längst wird Hollywood von Spielverderbern beaufsichtigt, gegen die weder Groucho Marx noch Kafka noch der Terminator persönlich etwas ausrichten könnten.

Veröffentlicht unter Essay, Film, Medienkunde, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

A talent not to amuse

betr.: Wie Filme auf uns wirken und warum. Am Beispiel von „Asphalt City“ und „Caché“

Vom aussichtslosen Wunsch des Sozialarbeiterkinos, uns zu besseren Menschen zu erziehen

Seit ich diesen Ausdruck vor Jahrzehnten in einer Filmkritik las, liebe ich ihn und benutze ihn gern: „Sozialarbeiterkino“. Damit bezeichne ich Filme, deren Machern ich jederzeit ihre guten Absichten glaube und deren Wahl einer ersprießlichen Botschaft ich anerkenne. Doch was haben solche Tugenden mit der Fähigkeit zu tun, mich zu unterhalten? Irgendjemanden zu unterhalten!
Nicht das Geringste!
Selbst wenn ein edler, hilfreicher Mensch (was immer das sein mag) über ein gewisses Talent verfügt, einen guten Film zu machen, so wird er dies im Zweifelsfall der Unmissverständlichkeit der angestrebten Belehrung unterordnen. Die Filmgeschichte hat tausende solcher Beispiele hervorgebracht.

Da die Produkte des Sozialarbeiterkinos stets damit werben, wie gut sie gemeint sind, fällt es mir leicht, ihnen auszuweichen. So bin ich auch dem neuen Film des „guten Menschen von Hollywood“, wie sich Sean Penn gern in der Presse nennen lässt, glücklich ferngeblieben.
Mein Vorurteil lautete wie folgt: was der Film mir an Unbehagen bereiten wird, wird nicht durch etwas aufgewogen, das mir wichtig oder willkommen ist.

Ein Freund von mir, der „Asphalt City“ kürzlich sah und der einen gänzlich anderen Geschmack hat als ich, bestätigte mir das. Ohne zu wissen, dass ich den Film insgeheim bereits vorverurteilt hatte, beschrieb er ihn mir ausführlich, lobte ihn etwas hüftsteif für seine „gute Botschaft“, räumte aber ein, dass er sich damit doch sehr geplagt hätte. (Ich hatte den Eindruck, er wünschte sich bereits, die Erinnerung aus dem Kopf zu bekommen.)
Was mich schier sprachlos machte, war die Beschreibung der Schluss-Einstellung. Penn und sein junger Kollege (gespielt von Tye Sheridan) haben sich als Notfallsanitäter knapp zwei Filmstunden lang bis an den Rand des Wahnsinns verausgabt und sind zusätzlich auch noch beschimpft, juristisch belangt und mit Undankbarkeit überzogen worden. Ich glaube unbesehen, dass „Asphalt City“ ein realistisches Bild dieses Berufes zeichnet und dass er allen, die ihn anschauen, zu denken gibt!* Doch kurz vor Schluss hat der Jüngere der beiden ein dezent rührseliges Erlebnis, das dem Drama einen winzigen versöhnlichen Twist aufnötigt und den Helden zum Lächeln bringt.
Zu solch faden Mitteln greifen nur sehr, sehr schlechte Filmemacher (seien sie auch gute Schauspieler und edle Menschen). So etwas tut nur, wer sein Publikum nicht ernst nimmt.
Der Zufall wollte es, dass mein Freund kürzlich auch einen Film des unbequemsten aller von mir geliebten Regisseure gesehen hatte: „Caché“ von Michael Haneke. Ich hatte ihm die DVD geliehen. Haneke betont bei jeder Gelegenheit, wie fern es ihm liegt, Botschaften aussenden zu wollen. Auch er mutet seinen Zusehern allerhand zu (manches davon ist auch mir zuviel!). Doch nie käme er auf die Idee, sein gemartertes Auditorium mit einem Happy-Endchen trösten oder gar bestechen zu wollen. Stattdessen gibt es die von mir gewünschten Gegengewichte zuhauf, die den unbehaglichen Teil ausbalancieren und die diesen zum unverzichtbaren Teil des Dramas machen: gute Darsteller, glaubhafte Dialoge, Humor, Alltagsrealismus (unabhängig vom Milieu, in dem der Film spielt), atemlos spannende Konflikte, Rätsel, die mich nicht mehr loslassen, Einblicke in die eigene Seele (wo Penn & Co mir schreckliche Menschen vorführen, die mich gottlob nichts angehen).

Mein Freund sagte, mir er wisse nicht recht, ob ihm „Caché“ gefallen habe. Schließlich habe er sich über einiges in der Handlung geärgert, und die Botschaft „Die Sünden der Väter werden an den Söhnen vergolten.“ habe ihm privat auch nicht gepasst. Nachdem ich ihn davon überzeugt hatte, dass hier gar keine Botschaft vermittelt, sondern nur eine unschöne Tatsache offen ausgesprochen wird, stellte sich heraus, dass es für ihn doch ein reichlich fesselndes Erlebnis gewesen ist, sich tagelang von Hanekes Geschichte umtreiben zu lassen. Dass die männliche Hauptfigur (gespielt vom liebenswert-abgründigen Daniel Auteuil) ihn gepackt und dass er sich mit ihr sogar identifiziert habe. Dass es oberflächlich zwar um das französische Erbe des Algerienkriegs geht, doch in Wahrheit um eine Vielzahl von Dingen, die uns weitaus näher sind.
Für mich handelt dieser Film von mir selbst. Von uns allen. Von familiären Konflikten. Von der Angst vor der Verletzung der Privatsphäre und des eigenen Wohnraumes. Von der Unzufriedenheit, die selbst Männer befallen kann, die einen tollen Job und eine bildschöne, kluge Ehefrau haben. Von der Aussichtslosigkeit, es Pubertierenden recht machen zu wollen. Von winzigen Nachlässigkeiten, die unsere Liebsten schrecklich kränken, ehe wir es uns versehen. Und vieles mehr.
Wie sich herausstellte, ist „Caché“ für meinen Freund zwar nicht der bequemere, aber der weitaus bessere Film.
Ich wette, eines Tages wird er sich die DVD nochmals ausleihen.
___________________
* Das kann man durchaus mögen, und selbstverständlich gibt es Zuseher, die genau damit glücklich und zufrieden sind. Ich glaube aber nicht, dass Sean Penn es darauf anlegt.

Veröffentlicht unter Film, Gesellschaft, Medienphilosophie, Monty Arnold - Biographisches | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Klassiker mal wieder völlig verkannt

betr.: Christoph Bantzers Lesung von „Das Phantom der Oper“

In den Kulissen und Katakomben der Pariser Oper geht ein Phantom um: eine düstere, maskierte Gestalt mit entstelltem Antlitz. Geschickt verbirgt sich das Phantom vor den Blicken der Menschen und nimmt doch Einfluss auf das Bühnengeschehen: Dank seiner Hilfe wird die Sängerin Christine Daée zum Star des Ensembles. Er betet sie an – doch Christines Herz hängt an ihrer Jugendliebe Raoul …
Wir alle glauben diese Geschichte von Gaston Leroux zu kennen und würden sie in der altmodischen Rubrik des reinen „Schauerromans“ einsortieren.

Das tut auch die ARD Audiothek, die ihn noch bis zum 15. September als Lesung bereithält. 
In Wahrheit handelt es sich um eine sehr witzige Geschichte, die sich unentwegt über ihre Figuren amüsiert („in netter Form“ und ohne sie zu verraten).
Christoph Bantzer – seit 1985 festes Ensemblemitglied des Thalia Theaters und zwischenzeitlich ein Star desselben – weiß genau diese Aspekte zu würdigen und auszuspielen. Ganz besonders virtuos arbeitet er in seiner Lesung (NDR 1996) mit Variationen des Tempos.
Eine so schöne Gelegenheit, diesen Klassiker en passant kennenzulernen, kommt so bald nicht wieder.

Veröffentlicht unter Hörbuch, Hörfunk, Literatur, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Ein Close-up schwarzer Pappe

betr.: Neues aus der Welt der KI

Seit gestern ist der einstündige Film „The Last Screenwriter“ gratis und in seiner englischen Originalfassung auf der gleichnamigen Website abrufbar. Er handelt von einem erfolgsverwöhnten Drehbuchautor, der von einer Schreibblockade heimgesucht und von einer KI aus dieser Misere gerettet wird.
Sein Regisseur Peter Luisi weist bescheiden darauf hin, ChatGPT 4.0 habe das Drehbuch angefertigt. Das Elektronengehirn musste jedoch Schritt für Schritt von Luisi angeleitet werden und hat nicht einmal ein wirklich verblüffendes Ergebnis zuwege gebracht. Jedenfalls nach der Meinung von Johann Thöming in der F.A.Z. – ich bin geneigt, seinem Urteil zu vertrauen.

Schon das Thema des Films kreist so penetrant um den Gegenstand des durchgeführten Versuchs, dass ich mich an einen alten Sketch von Otto Waalkes erinnern musste (immerhin einen sehr lustigen). Darin behauptet Otto, er könnte einen gewöhnlichen Fotoapparat zu einer Sofortbildkamera hochrüsten (die damals viel Geld kostete), indem er sie mit einem Schneckenbohrer durchlöchert und Entwicklerflüssigkeit hineinfüllt. Das Experiment glückt, und das entstandene Foto zeigt tatsächlich, was Otto geknipst hat – schlauerweise hat er ganz aus der Nähe ein Stück schwarzer Pappe fotografiert.

Weniger komisch, aber der aktuellen Meldung verdächtig ähnlich ist auch ein Fernsehfilm von 2003: „Die fremde Frau“. Der Hamburger Regisseur Matthias Glasner nennt im Abspann keinen Drehbuchautor, sondern bedankt sich beim Drehbuchentwicklungsprogramm „Step By Step“. Der Name verweist darauf, dass er dieses ähnlich sorgsam füttern musste wie Peter Luisi seine KI. Allerdings bewies Glasner etwas mehr Geschmack, denn sein Film handelt nicht von der eigenen Herstellung, sondern verarbeitet Alfred Hitchcocks Klassiker „Vertigo“, als dessen Hommage er präsentiert wird.

Veröffentlicht unter Fernsehen, Film, Medienkunde, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar