Endlich wiedergesehen: „Landhaus der toten Seelen“

Wir lernen die kleinbürgerliche Familie Rolf kennen: Vater Oliver Reed, Mutter Karen Black und den uncoolen 12jährigen Sohn Lee H. Montgomery. Später wird noch Vaters nette Tante Bette Davis dazukommen. Ein offensichtlich beknacktes, aber sehr servil auftretendes Geschwisterpaar überlässt der Familie seinen abgelegenen Südstaaten-Landsitz zu einem Schleuderpreis für die Sommerferien, wenn die Gäste sich gut um Haus und Garten kümmern und auch nach der uralten Mutter sehen, die in einer Dachkammer lebt, die sie nie verlässt.
Mutter Marian sorgt schließlich allein für das Wohlergehen dieser Frau, die wir nicht zu Gesicht zu bekommen. Nach einer Weile ereignet sich Wunderliches. Der liebevolle Vater Ben bringt den kleinen David mit unerwarteten irren Schüben in Gefahr. Marian beginnt, sich im Stil des 19. Jahrhunderts zu kleiden (offensichtlich die Klamotten der Frau unterm Dach) und findet die Einrichtung des Hauses bald wichtiger als das Wohl ihrer Angehörigen. Tante Elizabeth wird unerwartet krank und stirbt – nicht, ohne sich vorher noch mit Marian überworfen zu haben. Mit jeder Misslichkeit, die den Rolfs widerfährt, „verjüngt“ sich das alte Haus. Die Uhren ticken wieder, und sogar die vertrockneten Pflanzen im Gewächshaus beginnen wieder zu blühen. Als die Familie endlich die Flucht ergreift, ist schon alles im Eimer …

Ausnahmsweise einmal nicht selbst die Irre: Bette Davis mit Oliver Reed in „Burnt Offerings“

Im Bewusstsein, dass „Burnt Offerings“ – so der famose Originaltitel – nicht mehr ist als ein durchschnittlicher US-Gruselfilm von 1976 – einer wenig glanzvollen Ära des Horrorfilms -, hatte ich immer den Wunsch, ihn irgendwann wiederzusehen. Das kam so: ich habe ihn einst am hellichten Tag auf einem sehr schlechten Videorecorder gesehen. Nachdem ich mich 95 Minuten lang leidlich gut unterhalten hatte, kam es zu dieser Szene gegen Ende, wo die Familie sich endlich zur Abreise entschließt. Natürlich wissen wir, dass das nicht geschehen wird, und als Marian schließlich darauf besteht, noch einmal reinzugehen, um sich von der alten Dame zu verabschieden, können wir Ben keinen Vorwurf machen, dass er das nicht verhindert – wir alle wären in dieser Situation ebenso hilflos.
Die Szene, als Oliver Reed endlich die verbotene (erstmals unverschlossene) Tür auftut, hat mich aufs Tiefste schockiert. Um die unscharfen Bilder auf dem kleinen Bildschirm herum wurde mein Gesichtsfeld vollkommen weiß, und ich hatte einen Druck auf den Ohren, wie bei einem Hörsturz. Der irre, hasserfüllte Blick der Frau im Lehnstuhl traf mich ganz direkt.
Ich war sprachlos.
Ohne zu erwarten, dass sich dieser Effekt 35 Jahre später (nach Einbruch der Dunkelheit und auf einem viel besseren Abspielgerät) wiederholen ließe, war ich doch sehr glücklich über die Muße, das Werk wiederzusehen.

„Landhaus der toten Seelen“, ein Nebenwerk aus jedem erdenklichen Blickwinkel, hat sich gut geschlagen. Er ist kein bisschen angestaubter als seinerzeit, und seine Tugenden weiß ich heute viel besser zu schätzen. Da ist die völlige Normalität dieser Familie, die kein bisschen filmstarhaft wirkt und in ihrem Bemühen, die gemeinsame Freizeit mit „lustigem“ Smalltalk herumzukriegen, geradezu rührend wirkt. Da ist der weitgehend natürliche Tod der Tante (Bette Davis verzichtet grandios auf alles Grandiose oder Irre, dass sie sonst auszeichnet, und stirbt im Krankenbett, was schlimm genug ist). Da ist schließlich die atmosphärische Zurückhaltung, in der sich die schöne alte Immobilie mit dem verwilderten Grundstück darauf verlässt, dass wir schon genug konventionelle Spukhausfilme gesehen haben. Das handelsübliche Knarren der Dielen und die wehenden Vorhänge fallen kaum auf, und die längste Zeit der Handlung scheint die Sonne.
Dass doch alles die erwartbare schlimmstmögliche Wendung nimmt, ist dann nur umso entsetzlicher.

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Fortsetzung vom 23. Mai 2024

In seiner Kurzerzählung „Der Achtzig-Yard-Lauf“ – der in Stil und Sujet ein wenig an John Cheever erinnert – beschreibt Irwin Shaw den Hut einer Frau. Die Betrachtung dieses Kleidungsstück lässt ihren Ehemann erkennen, wie sehr sich die beiden voneinander entfremdet haben, seit er sich gehenlässt, sie aber nicht.

Es war ein Nichts, ein Stückchen Stroh, eine rote Blume, ein Schleierchen, nichtssagend in seiner großen Hand – aber auf dem Kopf seiner Frau ein Signal von irgend etwas … von der großen Stadt, von smarten, wissenden Frauen, die mit anderen Männern als ihren Ehegatten tranken und dinierten, die Konversation über Dinge pflegten, über die ein normaler Mann nicht viel wußte, von Franzosen die so malten, als ob sie an Stelle des Pinsels ihre Ellbogen benützten, und von Komponisten, die ganze Symphonien schrieben, die nicht eine einzige Melodie enthielten; und von Schriftstellern, die alles über Politik, und von Frauen, die, ebenso wie über die Bewegung des Proletariats und über Marx, alles über die Schriftsteller wußten, die wieder irgendwie mit Fünf-Dollar-Dinners und den bestaussehenden Frauen Amerikas verstrickt waren, und von Homosexuellen, die sie zum Lachen brachten und bewirkten, daß halbausgesprochene Sätze sofort verstanden wurden und sie insgeheim amüsierten, und von Frauen, die ihren Gatten „Baby“ nannten.

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Ein großer Bruder wie er im Buche steht

betr.: 112. Geburtstag von John Cheever

Das größte Genie kann wenig erreichen, wenn es nicht gefördert oder wenigstens ermöglicht wird. So werden wir beispielsweise nie erfahren, wie beglückend es wäre, der Musik eines Komponisten zu lauschen, der wegen ausbleibenden Erfolgs vergessen wurde, lange ehe wir zur Welt gekommen sind.
Wie sich diese entscheidende Phase im Leben des großen amerikanischen Erzählers John Cheever abgespielt hat, wird hier erzählt:

1930 zog John zu seinem Bruder Frederik nach Boston, der dort bereits ein junger Geschäftsmann geworden war. Die Brüder verstanden sich gut und versuchten, nachdem ihre Eltern sich getrennt hatten, eine eigene Familie aufzubauen. John versuchte sich nach seinem ersten Erfolg mit „Expelled“ weiter im Schreiben und konnte aber wenige seiner Geschichten veröffentlichen. Malcolm Cowley wiederum verhalf ihm zu einem Aufenthalt in der Künstler-Kolonie Yaddo, in welcher er fast zwei Monate Kreativität und Kraft schöpfen konnte. Nach seiner Rückkehr zu seinem Bruder begann er sein eigenes Leben aufzubauen. Er nahm sich eine eigene Wohnung in New York und begann mit kleineren Jobs seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Kontakt zu Cowley sollte sich alsbald abermals als vorteilhaft erweisen, an einem Abend (midwinter 1934) trafen sich beide zu einem Abendessen und besprachen die berufliche Zukunft von John. Cowley, der sehr an das Talent des jungen Cheever glaubte, sagte an diesem Abend folgendes: „It’s Friday now, … Why don’t you write a story a day for the next four days, non of them longer than thousand words? Then bring them to me and I’ll see whether I can’t get you some money for them.”. John willigte ein und schrieb folgende vier Geschichten: “The Princess”, “Brooklyn Rooming House“, „Buffalo“ und „Bayonne“. Die erste erschien in der The New Republic, die nächsten beiden kaufte The New Yorker. „Bayonne“ wurde erst 1936 in einem kleinen Magazin veröffentlicht. Seine Arbeit begann sich zu lohnen. Er verkaufte seine Werke an verschiedene Zeitungen und Magazine, so z.B. Collier’s, Story, The Atlantic, The Yale Review. u.v.m.

Aus der Hausarbeit „Über John Cheevers ‚Der Schwimmer‘ – Ein Beispiel für schwarzen Humor“ von Axel Adler, Leseprobe auf https://www.hausarbeiten.de/document/29712

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Furchtbar viel Musik

Zum Tode von Richard M. Sherman

Richard M. Sherman hat auf die Frage, welcher seiner Disney-Filme ihm der liebste sei, geantwortet: „Das Dschungelbuch“ – und er beeilte sich, hinzuzufügen, er sage das nicht, weil er 2007 gerade für eine Wiederaufführung dieses Films zu werben hatte. Zu der hochkarätigen Mannschaft, mit der er hier zusammenarbeitete, gehörten Animatoren, die schon an „Schneewittchen“ und „Pinocchio“ mitgewirkt hatten, und sogar Walt Disney war zu Beginn noch mit dabei – wenn er sich auch zuletzt hauptsächlich für seine Vergnügungsparks interessierte.

Richard und sein drei Jahre älterer, 2012 verstorbener Bruder Robert B. hatten in den späten 50er Jahren als Songschreiber in der Popbranche gearbeitet. Die damals 16jährige Annette Funicello, die Interpretin ihres Rock’n’Roll-Titels „Tall Paul“, war im „Mickey Mouse Club“ als „Disney-Mouseketeer“ bekannt geworden. Walt Disney war stolz auf ihren Erfolg und verfolgte ihre Karriere so aufmerksam, dass ihm noch weitere Sherman-Songs wie „Pineapple Princess“ und „Jo-Jo the Dog Gaced Boy“ zu Ohren kamen. Die musikalische Komödie „The Parent Trap“ (nach Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“) war die erste Produktion, bei der er die jungen Künstler einsetzte, die gemeinsam an Text und Musik arbeiteten – mit Richard am Klavier und Robert als dem Erfinder der ersten Worte.

Disney übergab den beiden ein Buch und sagte: „Lesen sie das, und erzählen sie mir, wie Sie es finden!“ Die ersten musikalischen Skizzen, die ihm die Brüder dazu vorlegten, soll er mit dem Angebot beantwortet haben, ihn fortan nicht mehr Mr. Disney, sondern Walt zu nennen.
Das Ergebnis sollte „Mary Poppins“ werden, Disneys letztes „persönliches“ Filmprojekt, das 1965 mit zwei Musik-Oscars ausgezeichnet wurde.

Ausgerechnet der beliebteste Dschungelbuch-Song „The Bare Necessities“ („Probier’s mal mit Gemütlichkeit“) stammt nicht von den Shermans. Es ist der einzige übrig gebliebene Titel aus der ersten Fassung, die Disney missfiel. Die Ehre, ihn komponiert zu haben, gebührt Terry Gilkyson.
Richard Sherman erzählt: „Gilkyson wurde durch die Oscar-Nominierung für sein Lied versöhnt und hat später auch für die ‚Aristocats‘ einen Song geschrieben. Drehbuchautor Bill Peet aber war tief getroffen: Walt war zu beschäftigt gewesen, um sich in der Frühphase um ‚Dschungelbuch‘ zu kümmern, und er gab Peet, der zuvor mit ‚101 Dalmatiner‘ einen Riesenerfolg geschrieben hatte, zunächst freie Hand. Als Walt dann die Ergebnisse ablehnte, hat Peet sofort gekündigt.“

Nach Disneys Tod arbeiten Richard und Robert noch die Projekte ab, die sie aus der Hand des Chefs empfangen hatten, doch später versiegten die Angebote des Studios. Im Alter hatten sie die Freude, die Wiedergeburt ihrer Filmmusicals auf der Bühne mitzuerleben, darunter auch „Chitty Chitty Bang Bang“, das die James-Bond-Produzenten nach einem weiteren Buch ihres Erfolgsautors Ian Fleming auf die Beine gestellt hatten.

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Der vorletzte Kultfilm: „Dirty Dancing“

betr.: Aktueller Themenschwerpunkt „Kultfilme“

Es war in den frühen Tagen des Privatfernsehens, als es noch Fernsehansagerinnen gab. Eine Kollegin von SAT.1 moderierte den alten Hollywood-Film „Die Liebe der Marjorie Morningstar“ mit dem Hinweis an, Gene Kelly tanze darin „fast so toll wie Patrick Swayze in ‚Dirty Dancing‘“. Heute muss man die unfreiwillige Komik dieser Einlassung erklären, aber damals haben sich viele Zuseher noch an Kelly erinnern können, den knapp hinter Fred Astaire bedeutendsten Filmtänzer überhaupt.
Obwohl besagter Film Kelly in erster Linie als Schauspieler zeigt und er darin nur eine relativ kleine Tanzeinlage gibt (die Filmmusical-Ära war gerade zuende gegangen), hat er mit „Dirty Dancing“ doch mehr zu tun als der Ansagerin bewusst war. Die erste Hälfte der Inhaltsangabe dieser Literaturverfilmung liest sich wie die von „Dirty Dancing“. Es ist offensichtlich, dass die Autorin Eleanor Bergstein ihn gut kannte. Ihr koketter Hinweis, das Drehbuch zu „Dirty Dancing“ erzähle nicht ihre persönliche Geschichte, ist angesichts ihres familiären Backgrounds ohnehin eine Binse.

Frances Houseman und ihre Eltern verbringen die Sommerferien 1963 in den Catskill-Mountains 100 Kilometer nordwestlich von New York City, dem klassischen Urlaubsziel der jüdischen Community. Als das Arzt-Ehepaar sein Mittagsschläfchen hält, erweckt sein „Baby“ das Interesse des New Yorker Tanzlehrers Johnny Castle, der in der Ferienanlage jobbt. In einer verschwiegenen Waldhütte kommen die beiden einander näher. Babe springt für Johnnys Tanzpartnerin ein und bekehrt ihren Vater von seinen Vorurteilen hinsichtlich des Milieus, aus dem der Tänzer stammt.
Bei den heißen, „schmutzigen“ Rhythmen des eigens für den Film von Johnny Ortega geschaffenen „Dirty Mambo“ verliert Babe das Interesse an den Ballettstunden, die sie früher genommen hat – und die letzten Reste der bürgerlichen Unschuld, zu der ihre Eltern sie erzogen haben. Als Johnnys Ex-Freundin Penny schwanger wird (nicht von Johnny, sondern vom Kellner Robbie), finanziert sie ihr die Abtreibung.

Wie wenig der Erfolg dieses Films abzusehen war, merkt man bereits daran, dass er der „Cinema“ nur eine (sehr abfällige) halbe Seite wert war. Der Low-Budget-Film mit den erschwinglichen Hauptdarstellern (Swayzes Partnerin war Jennifer Grey, die Tochter der Musical-Legende Joel Grey) spielte mehr als 200 Millionen Dollar ein, obwohl die Tanzfilmwelle der 70er spätestens mit „Flashdance“ (1983) als erledigt galt. Die Platte mit den Popsongs des Films verkaufte sich in den ersten fünf Wochen mehr als eine Million mal und hängte selbst Michael Jacksons Album „Bad“ ab. Der zentrale Song „(I’ve Had) The Time Of My Life“ wurde zum „erfolgreichsten Duett aller Zeiten“ hochdekoriert, erhielt einen Grammy und einen Oscar. Zwei Jahre danach räumte sogar der „Katholische Filmdienst“ ein, dass ein solch „inhaltlich und formal gleichermaßen biederer Unterhaltungsfilm, der leichte Anrüchigkeit mit sentimentaler Moral zu kombinieren versucht, in der Präsentation von Tanzszenen und Liebesromanze mit Happy-End aber ganz offensichtlich einen ‚zeitgeistlichen‘ Nerv getroffen hat.“
In der ehemaligen DDR, wo der Film ein noch größerer Erfolg gewesen war als im Westen, wird er alljährlich mit einer ausverkauften Open-Air-Vorführung im Rahmen der Dresdner „Filmnächte am Elbufer“ gefeiert.

Im Frühjahr 2006 erstand „Dirty Dancing“ in Hamburg als Bühnenshow wieder auf. Das Musical hielt sich sehr viel darauf zugute, keinen Satz der Vorlage zu ändern – weder „Mein Baby gehört zu mir!“ noch die übrigen; intern war den Machern die Zeile „Ich habe eine Wassermelone getragen“ besonders wichtig. Das bedeutete das Eingeständnis, den Film nicht wirklich adaptieren zu können oder zu wollen, hörte sich in den Ohren der Fangemeinde aber irgendwie kühn und respektvoll an. Immerhin sicherte man sich auch die Rechte an den Songs des Films. Dieses Glück sollte die Musical-Bühnenfassung von „Pretty Woman“ einige Jahre später nicht mehr haben.

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Kultfilme – Nachwort zum Redaktionsschluss

Fortsetzung vom 21. Mai 2024

Aber ist es nicht so, dass bei einem so unernsten Freizeit-Thema das säuberliche Abspalten der Geschmacksdiskussion von der Popkultur-Wissenschaft gar nicht funktioniert? Dürfen / müssen Kopf und Herz hier nicht unterschiedlicher Meinung sein?
Lieber nicht. Sonst könnte es passieren, dass ich (oder gewissenlosere Leute als ich es bin) „Ein Käfer gibt Vollgas“ als Kultfilm einsortieren, denn schließlich hat er mir und meinen sämtlichen Mitschülern irre gut gefallen, damals, als es im Pfarrsaal diese Super-8-Vorführung gab. Ich mag diese imbezile Klamotte mit Blacky Fuchsberger (und dem herrlichen Bösewicht Karl-Otto Alberty) immer noch, würde mich dabei aber ungern erwischen lassen. Und eine Weiterempfehlung hätte keinerlei Aussicht, irgendjemandem hilfreich zu sein, der Mitte der 70er nicht mit mir die Schulbank gedrückt hat.

Aber der Hauptgrund, warum es mir so unbehaglich erscheint, die Liste* nach dem Jahr ihrer Erstauflage 1985 noch wesentlich auszudehnen: es war just die Zeit, in der sich der VHS-Recorder als Alltagsgegenstand endgültig durchsetzte und mit ihm die Möglichkeit „für jedermann“, den Reklameslogan zu befolgen: „Werden Sie Ihr eigener Programmdirektor“! Und das ging so weiter mit DVDs, blu-Rays, Streaming und Mediatheken.
Ab jetzt war es keine Kunst und kein Bekenntnis mehr, Filmdialoge auswendig zu lernen und in kleiner Runde Lieblingsfilme zu zelebrieren.
Je nach Sichtweise gab es in der folgenden Zeit also täglich 1000 neue Kultfilme – oder gar keine mehr.
Noch einmal Hahn & Jansen in „Kultfilme“, der erweiterten Neuauflage: „‚Die Feuerzangenbowle‘ ist der einzige deutsche Film, der die strengen Vorgaben eines Kultfilms erfüllt: kleines Budget, ohne große technische Raffinessen produziert, ein typischer B-Film ohne hohen künstlerischen Anspruch, dessen Qualität sich durch Mundpropaganda bald, erst recht nach dem Krieg, herumsprach, und der deshalb immer wieder ins Kino kam.“

Und schon beginnen die Tücken und Widersprüche: auch „Metropolis“ (siehe Liste) ist ein deutscher Film, und der strotzt nur so vor Anspruch, Budget und technischen Raffinessen.

Ach ja …
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/05/15/25283/

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

Sprechen am Mikrofon / Übung

Fortsetzung vom 26. April 2024

Im Sachbuch „Klassiker des Horrorfilms“ von William K. Everson findet sich im Kapitel über die Darstellung von Wahnsinn ein besonders anschauliches Beispiel für den linearen Schachtelsatz: seine Einschübe stecken nicht ineinander, sondern folgen aufeinander oder sind angehängt, so dass  der Hauptsatz immer wieder seinen Lauf nehmen kann.

In der letzten Szene, in der er in einem Kloster scheinbar seinen Frieden gefunden hat, wird er von seiner inzwischen wieder verheirateten Frau und seinem Kind getrennt, bekommt nicht einmal Hilfe von der Kirche (die ihm nur Plattitüden, aber kein Heil zu bieten hat) und geht – überzeugt, dass er nach wie vor normal ist – in einer Zickzacklinie in die Bildtiefe (ein Motiv, mit dem vorher bereits sein Wahnsinn verdeutlicht wurde), auf das schwarze, grabähnliche Kloster zu, wobei die schrille, dissonante Musik unterstreicht, dass er seinen Frieden noch nicht gefunden hat und wohl niemals finden wird.

Der Autor kennzeichnet die Einschübe mit unterschiedlichen Interpunktionszeichen, um bessere Übersichtlichkeit zu erzielen.
Ohne sie würde der Satz folgendermaßen lauten:

In der letzten Szene, in der er in einem Kloster scheinbar seinen Frieden gefunden hat, wird er von seiner inzwischen wieder verheirateten Frau und seinem Kind getrennt, bekommt nicht einmal Hilfe von der Kirche (die ihm nur Plattitüden, aber kein Heil zu bieten hat) und geht – überzeugt, dass er nach wie vor normal ist – in einer Zickzacklinie in die Bildtiefe (ein Motiv, mit dem vorher bereits sein Wahnsinn verdeutlicht wurde), auf das schwarze, grabähnliche Kloster zu, wobei die schrille, dissonante Musik unterstreicht, dass er seinen Frieden noch nicht gefunden hat und wohl niemals finden wird.

Korrekt vorgetragen, klingen diese Worte in der längeren und in der kürzeren Variante genau gleich.

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Beglückendes Treibgut

Vor Jahren habe ich an dieser Stelle die Comicserie „Tom Patapom“ vom Kleinmeister Leone Cimpellin vorgestellt.* Weil ich buchstäblich niemanden kannte, der sich auch nur vage an sie erinnern konnte, fügte ich meinen sentimentalen Anmerkungen noch eine Recherche nach sämtlichen Abenteuern des Helden hinzu, stieß aber zum Schluss an die Grenzen meiner deduktiven Talente: für den abschließenden im „Felix“-Comicheft abgedruckten Mehrteiler konnte ich gar kein französisches Original mehr ausfindig machen und argwöhnte, der Bastei Verlag habe diese Geschichte, in der Tom endlich wieder nach Hause kommt, vielleicht selbst in Auftrag gegeben.
Dieses und viele andere Rätsel lassen sich endlich lüften, denn das einschlägige Fanmagazin „Bastei Freunde“ ist in seiner April-Ausgabe endlich bei der ungelesensten Comic-Serie aller sieben Meere angekommen: „Tom Patapom“. Es ist die Ausgabe 61 (!), und eigentlich war das Thema sogar erst für die folgende Nummer eingeplant und wurde aus organisatorischen Gründen vorgezogen.

Ein nicht ganz unschlimmer Verdacht hat sich bereits beim Durchblättern bestätigt: Cimpellin hat auch „Jupiter“ gezeichnet, eine Asterix-Nachahmung, in der die Römer „unsere Freunde“ sind und deren Gegner ein para-gallisches Völkchen namens „die Schlawiner“. So etwas muss nicht zwingend so schrecklich sein wie es sich in dieser Kurzbeschreibung anhört, ist es aber in diesem Fall. Wie bei den meisten schlechten Comics sind es vor allem die Texte, die alles verderben, aber auch die Arbeiten des in der deutschen Ausgabe ungenannten Zeichners sind überaus nachlässig.
Ich freue mich auf die Lektüre des Bastei-Magazins und auf viele weitere Male, in denen ich unwillkürlich ausrufen werde: „So ist es also gewesen!“

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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2015/06/06/kaeptn-nemo-2-0/

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Die letzten Kultfilme

Fortsetzung vom 15. Mai 2024

Die einzigen Filme aus der erweiterten Ausgabe, die noch als Kultfilme durchgehen – die also nicht einfach nur anhaltende Erfolge bzw. aufgegangene Vorausberechnungen des Mainstreamgeschmacks gewesen sind -, sind „Dirty Dancing“ und „Pulp Fiction“: ersterer ein Guilty Pleasure für die ganze Familie und ihre schwulen Freunde, zweiterer ein nach 30 Jahren noch immer überraschendes Werk, das seinen Regisseur – als letzten Filmemacher der Zelluloid-Ära – für seine persönliche Vision mit unverwüstlichem Ruhm belohnt hat.
Das war’s!

„Fargo“ ist ohne Zweifel ein Geniestreich, aber die Coen-Brüder waren vorher / nachher / zwischendurch ganz weit oben (wenn auch stets und beständig mit dem unerklärlichen Sex-Appeal des Geheimtipps behaftet). „Pretty Woman“ war ein Riesenhit mit zwei zuvor bereits eingeführten Hauptdarstellern (einem reifen und einer aufstrebenden), der seinen Erfolg der größtmöglichen Betulichkeit verdankt – keine Spur von „experimentell“, „wagemutig“, „innovativ“, „überraschend“ oder sonstewas Kultiges. „Harry und Sally“ wird zwar häufig eingelegt bzw. angeklickt, doch dann spulen alle bis zu dieser einen Szene in der Cafeteria vor, um ihn danach abzuschalten oder ihn im Hintergrund laufen zu lassen – und die betreffende Szene ist überdies dadurch restlos diskreditiert, dass Til Schweiger sie als „die größte schauspielerische Leistung der Filmgeschichte“ bezeichnet hat. „Vom Winde verweht“ ist – wie auch „Singin’ In The Rain“, „Frankensteins Braut“, „Zeugin der Anklage“ und viele andere – ein Klassiker und ein herrlicher alter Film dazu, aber ganz sicher nichts, was irgendjemand unter 35 tatsächlich gesehen hat oder sich jemals freiwillig vollständig anschauen wird (so leid mir das persönlich tut) – immerhin kennt man ihn noch dem Namen nach. „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ hätte einen Kultstatus verdient, aber er gehört zu jenen zahlreichen Kunstwerken, die von einem überflüssigen Remake verdrängt worden sind (zumal es in diesem Falle ein gleichnamiges ist). „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“ ist definitiv einer der amüsantesten und gescheitesten Filme der 90er Jahre, die poetische Krönung des gesamten Star-Trek-Komplexes, der schönste farbige Science-Fiction-Film nach „Die Zeitmaschine“ (1959), die feinste Übung in Selbstironie, die Hollywood jemals hervorgebracht hat und der allgemeinverständlichste Film über den Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber ein Kultfilm? Das wüsste ich! „Star Trek IV“ (der mit den Walgesängen) hatte tatsächlich einmal einen gewissen Kultstatus …
„Tote tragen keine Karos“ ist offensichtlich ein persönlicher Lieblingsfilm der Autoren, und auch ich werde nie vergessen, wie schlapp meine Freunde und ich uns mal über ihn gelacht haben (- das Plakat war bereits im Originalband abgedruckt, ohne dass der Film darin behandelt worden wäre.) Aber wenn alle meine Lieblingsfilme Kultfilme wären, dann hätten wir alle ohnehin keine Sorgen mehr.   

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Die Antwort(en)

Auflösung des Raumschiff-Enterprise-Fehlersuchbilds vom 13. April

Der deutsche Titel der Folge 15 (deutsche Nummerierung) „Shore Leave“ lautet nicht „Landurlaub“, sondern „Landeurlaub“; der deutsche Titel der Episode 16 „The Galileo Seven“ ist falsch, da die Galileo 7 kein Planet ist, auf dem die Landung erfolgen könnte, sondern eine Raumfähre, mit der sie erfolgt – die ZDF-Redaktion hat das im Jahre 1972 bei der Titelvergabe vertüdelt, und der Fehler ist niemals korrigiert worden; das Szenenfoto stammt aus einer ganz anderen (sehr populären) Folge, nämlich „Kennen Sie Tribbles?“.

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