Duz mich oder ich fress dich!

betr.: Eine Senfzugabe zur „Spiegel“-Titelgeschichte „Hey Du! – Die Tyrannei des Duzens und der neue Wunsch nach mehr Respekt“

„Soll ich Ihnen was sagen? Ich verhungere! Sie fragen, warum? Weil ich seit vier Wochen keine einzige Ameise gefangen habe!“ – Bild: Mirisch Films Inc.

Vom Duzen im Kinderfernsehen

Das Siezen ist nicht nur grammatikalisch einfacher als das Duzen, es ist auch witziger. „Hallo Sie!“ ist komischer als „Hey Du!“, und am falschen Platz gebraucht, macht es eher Vergnügen als das Duzen, das im unrichtigen Moment in der Regel beleidigend wirkt.
Einen ersten Eindruck davon bekam ich als Mitglied der Zielgruppe im Kinderfernsehen der 70er Jahre, wo uns regelmäßig Filme und Cartoons präsentiert wurden, die sich ursprünglich an Erwachsene gerichtet hatten.
Die Cartoons um „The Ant And The Aardvark“ (17 Episoden, DePatie-Freleng Enterprises 1969 – 1971) wurden in der deutschen ZDF-Kinderfunk-Version sogar noch um eine subversive Ebene ergänzt. Synchronbearbeiter Eberhard Storeck machte aus dem männlichen Erdferkel ein Ameisenbärweibchen, das er „Die blaue Elise“ nannte und mit der Komödiantin Marianne Wischmann („Miss Piggy“) stimmlich besetzte. Das würzte nicht nur der Beziehung zu der von ihr verfolgten männlichen Ameise, es brachte auch zusätzlichen Camp in ein Format, das mir erstaunlich müde erschien, als ich es erstmalig im O-Ton betrachtete.
Das Besondere: die Heldin Elise, die sich mit regelmäßigem Blick in die Kamera des Mitgefühls ihres Publikums versicherte und ihre Niederlagen wacker kommentierte, siezte dieses Publikum – und das in der Kinderstunde.
Ich fand es damals nicht auffallend, aber doch sehr angenehm, von einer Cartoonfigur gesiezt zu werden. Und ich begreife mit dem heutigen Abstand, wie viel komischer Storecks subtile deutsche Texte dadurch wurden und geblieben sind.

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Kultfilm Azubis: Allein unter Mackern

Um Heldinnen, die sich allein unter Mackern herumzuschlagen haben, geht es in der heutigen Folge unseres Podcasts. Dass Frauen es viel schwerer haben als Männer in vergleichbarer Lage, wissen wir nicht erst, seit jemand auf die Idee kam, den Gender-Pay-Gab auszurechnen. Doch die Geschichten, die dieses Ungleichgewicht verhandeln, rühren und erreichen uns umso mehr, je unterhaltsamer sie sind. Und das kann auf ganz unterschiedliche Art gelingen. Hier kommt zunächst die klassische Methode:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/la-strada-das-lied-der-strasse-coma

A) La Strada – Das Lied der Straße
Italienisches Drama von 1954

Die Jahre im Schaustellerbetrieb haben den fahrenden Entfesselungskünstler Zampano (Anthony Quinn) zu einem jähzornigen Rohling erkalten Lassen. Wie einen Hund kauft er von einer Familie das Dorfmädchen Gelsomina (Giulietta Masina) und richtet es zu seiner Assistentin ab. Ihre Hoffnung, bei ihm Geborgenheit zu finden erfüllt sich nicht. Als letzte einer langen Serie von Demütigungen wird sie schließlich von ihm verstoßen. Zampanos Reue kommt spät …

Federico Fellinis Kino feiert die Fantasie, den Traum und die Sinnlichkeit – und das Publikum ihn dafür. In den Jahren fortwährender Erfolge blieb dieser frühe Titel immer präsent. Bereits hier hören wir die Musik von Nino Rota, der gemeinsam mit Fellini fortan ein legendäres Team bildete. „La Strada“ bekam den Oscar als bester ausländischer Film, ist einer der wichtigsten europäischen Klassiker überhaupt und begründete das Imperium des Filmrechtehändlers Leo Kirch. Der „große Zampano“ ging in den Sprachgebrauch der Wirtschaftswunderjahre über.

B) Coma
US-Krankenhausthriller von 1978

Die am Boston Memorial tätige junge Ärztin Dr. Susan Wheeler ist schockiert: eine kerngesunde Freundin ist während einer Abtreibung ins Koma gefallen. Susan wird misstrauisch, als sie bemerkt, dass sich solche Unfälle immer im OP Nr. 8 ereignen. Ihr Freund und ehrgeiziger Kollege Mark beschwichtigt sie, doch sie schnüffelt weiter und erregt sogar den Unmut des Klinikchefs. Als sich Susan schließlich in das einsam gelegene Jefferson-Institut einschleicht, in das die Komapatienten der Klinik üblicherweise gebracht werden, wird ein Killer auf sie angesetzt …

„Coma“ ist ein liebevoller, inspirierter Film. Ihn durchzieht ein fein gewebtes Hintergrundrauschen aus teils fachlichem, teils privatem Smalltalk in den Räumen und Fluren der Klinik. Die Streitereien des jungen Heldenpaares – Geneviève Bujold und Michael Douglas in seiner ersten Kinorolle nach „Die Straßen von San Francisco“ – ist von Bergman’scher Beobachtungsgabeund emanzipatorisch aktuell. Regisseur Michael Crichton ist der Erfinder zahlloser großer Filmstoffe wie „Futureworld“, „Westworld“, „Jurassic Park“ und „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“.

Nächste Woche: die Kultfigur Louis de Funès und seine Filme Onkel Paul die große Pflaume und Oscar hat die Hosen voll. Zu Gast: Gerry Streberg

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Neu im Kino: „Das Drama – Noch mal auf Anfang“

An einem Herbstnachmittag hat Charlie Emma zum ersten Mal in einem Café gesehen. Er nahm sich ein Herz und sprach sie an … und es endete damit, dass sie Nummern austauschten. Das wiederum führte zu dreistündigen Telefonaten über alles und nichts. Es folgten faule Sonntage in den Parks von Boston und den örtlichen Buchhandlungen. Ein anderes Mal zogen sie nachts von einem Diner zum nächsten auf der Suche nach dem ausgefallensten Burger. Zwei schöne Jahre haben sie so verbracht, nun sind sie bereit, es „offiziell“ zu machen. Kurz vor der Zeremonie erfahren sie im Rahmen eines Gesellschaftsspiels ein paar Dinge, die sie noch nicht voneinander wussten, und was ein zuckersüßer Hochzeitsfilm hätte werden können, wechselt gehörig die Richtung. Was genau es ist, womit Robert Pattinson und Zendaya einander die Heiratslaune verderben, hat die Produktionsfirma A24 streng geheimgehalten und auch den Trailer so gebaut, dass er beim Raten nicht half, was in den sozialen Netzen zu wilden Spekulationen führte. Jetzt kommt endlich alles raus!

Torben Sterner hat sich den Film für unseren Podcast vorab angesehen:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/das-drama-noch-mal-auf-anfang

Der Regisseur

Christopher Borgli hat kürzlich mit einem Adidas-Werbespot für ähnliche Verstörung gesorgt, wie er sie nun seine Charaktere erleben lässt: Ein Mann überfährt irgendwas mit seinem Auto, ein nacktes alienartiges Wesen. Was genau und wie schwer es verwundet ist, interessiert die Kamera nicht, denn sie nimmt lieber die Sneakers des Autofahrers ins Bild und die Berge davon, die auf der Rückbank liegen. Auch in seinen Kinofilmen will Borgli uns gerne auf dem falschen Fuß erwischen. In „Sick Of Myself“ schluckt die Freundin eines erfolgreichen Künstlers russische Medikamente mit schlimmen Nebenwirkungen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Und in „Dream Scenario“ (der ersten Mediensatire seit Jahren, die diese Bezeichnung verdiente) wird ein von Nicholas Cage gespielter Typ berühmt, weil er in immerzu den Träumen anderer Menschen auftaucht, ohne sich das selbst recht erklären zu können. Irgendwann wird er zu ihrem Alptraum-Wesen.

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Immer wieder neu beginnen

betr.: 21. Todestag von Harald Juhnke

Der Schauspieler und Entertainer Harald Juhnke (der „deutsche Sinatra“, wie er nach einer Anregung durch ihn selbst bald allgemein genannt wurde) konnte auch deshalb so tief in seinem Alkoholismus versinken, weil ihn die beiden großen deutschen TV-Sender der damaligen Zeit ARD und ZDF immer weitermachen ließen: wurde er von einem Kanal geschasst, weil er im Suff wieder etwas angestellt hatte, konnte sich immer darauf verlassen, dass der jeweils andere ihn dankbar unter Vertrag nahm, denn Juhnke war verdammt gut in dem, was er machte.
Ein Kollege, der mit ihm zuletzt gemeinsam auf der Theaterbühne stand, erzählte mir, wie sich die Folgen des Alkoholkonsums bei den großen Kollegen in der Endphase auswirkten. Nach der Pause kam Juhnke auf die Bühne und begann wieder mit dem ersten Akt des Stücks.

Juhnke-Biograf Rüdiger Schaper weiß zu berichten: »Sinatra und Juhnke sind sich nie begegnet; nicht einmal ein Händedruck, ein Drink, woher auch? Im Juni 1993 gab der alte Mann aus Amerika noch einmal ein Konzert in der Berliner Deutschlandhalle. Wie ein „Stranger In The Night“, so die „Bild-Zeitung“, wartete Sinatras größter Fan am Bühneneingang, vergebens. Etwas näher ist er im Februar 1997 herangekommen, als er vom Cedars-Sinai-Hospital in Los Angeles ärztlichen Beistand erhielt. Es ist das Prominenten-Krankenhaus, zu dessen Patienten auch Frank Sinatra gehört.«
Ein herzloser Journalist wies im Zusammenhang mit dieser Einweisung darauf hin, wie man dort Juhnkes Namen vermutlich ausgesprochen hat: Junkie.

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Künstler, Nachbar und aktiver Vereinskamerad

betr.: 91. Geburtstag von Rolf Becker / St. Georg

Wann immer mich Menschen besuchen, die ein Weilchen nicht hier waren, erzählt man mir, wie sehr sich das Viertel seit letztens wieder verändert habe – weniger Kultur-Läden (wenn auch die Buchhandlung Wohlers wohl weiterbestehen wird, obwohl wir ihren Inhaber kürzlich verloren haben) und statt der unzähligen Bäckereien, die sich zuletzt epidemisch ausgebreitet haben, gibt es jetzt immer mehr Barbiere. Das ist der Lauf der Welt, und hier vollzieht er sich vielleicht ein klein wenig langsamer und freundlicher als anderswo. Aber er vollzieht sich.
Früher war dies hier auch ein Künstlerviertel, rund ums Deutsche Schauspielhaus herum. Vor einigen Monaten hat uns einer der quasi-Ureinwohner verlassen: Rolf Becker.

Abb.: ARD Sounds

In unserem Stadtteilmagazin „Der lachende Drache“ schrieb Liane Lieske dazu: „Als wir 1988 nach St. Georg zogen, haben wir uns (…) hier im Stadtteil immer wieder getroffen und 2019 im Rathaus eine gemeinsame Lesung – mit Sylvia, Kai Degenhardt und uns als Literarisches Menuett – gemacht. Wahrscheinlich war ich – tja was? – nicht linientreu? Keine richtige Kommunistin? – Keine Ahnung. Ich fand ihn manchmal zu dogmatisch, aber ich habe ihn trotzdem geschätzt, weil er solidarisch und empathisch war mit unterdrückten und benachteiligten Menschen.
Meine letzte Begegnung mit ihm war bei der Gedenkfeier für Jürgen Wohlers, wo ich neben ihm saß, und als er mir nach meinem Beitrag anerkennend zunickte, war ich doch beglückt (ich als Laiin). Ich habe ihm einmal gesagt, dass er mich zum Lachen bringt (bei einer Lesung meines Kinderbuches, ich erinnere mich nicht mehr, welches, im St. Ansgar-Haus, Schmilinskystraße) und zum Weinen (Lesung Carl von Ossietzky im Malersaal). Und nun, weil er fehlt.“

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Improvisation: Wiederholt, als sei es wirklich neu

Fortsetzung vom 15. Juni 2015

In seinem Gedicht „Die Improvisation (M. B.)“ (November 1939) lässt der Physiker und Wissenschaftshistoriker Shmuel Sambursky (1900 in Königsberg – 1990 in Jerusalem) den Redner „M. B.“ „völlig von sich hingerissen“ selbst glauben, dass er die richtigen Worte für einen noch nicht geäußerten Gedanken findet – und dadurch zu einem selbstsicheren Vortrag gelangen. „Am rechten Ort“ hatte er aber alles schon aufgeschrieben, um es nicht zu „verfehlen“. Auch hier gilt: Thema (die Improvisation) verfehlt, setzen, sechs!

Noch steht er mit gesenktem Haupt, als fehle
zur  letzten Klärung ihm nur jenes Wort,
das er schon längst, dass er es nicht verfehle,
sich aufgeschrieben hat am rechten Ort.

Dann löst die Hand sich, die noch eben schürfte
und suchend schon das Neue ahnen ließ,
und plötzlich sagt er es so stark, als dürfe
nun keiner daran zweifeln, dass ihm dies

erst jetzt gelang. Doch wie er seine Hörer
so sehr im Banne seines Wortes spürt,
dass sie voll Überraschung zu dem Lehrer
aufschauen, wird er auch dazu verführt,

dass er, nun völlig von sich hingerissen,
schon selber daran glaubt und ohne Scheu,
nicht mehr verkrampft, mit ruhigem Gewissen
und wiederholt, als sei es wirklich neu.

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Geschichte des Komiker-Handwerks (5.2)

betr.: Nachtrag zum 24. März 2020

Zu den persönlichen Rückschlägen im Leben Mark Twains zählten in schöner Regelmäßigkeit familiäre Tragödien von griechischem Format. Zudem war er ein schlechter Geschäftsmann und fällte ein paar folgenreiche Fehlentscheidungen. Er kaufte dem Vatikan für inflationsbereinigt 4 Millionen Dollar die Rechte am Leben von Papst Leo XIII ab (für ein Buch, das keiner lesen wollte). Weiterhin trieb ihn die Investition in eine fehlerhafte Setzmaschine in den Bankrott. Um zu überleben, trat er als Stand-Up auf, wie wir heute sagen würden, zunächst in den USA, später in aller Welt. Der Erfolg war überwältigend. Was ein Augenzeuge aus Berlin berichtet, beschreibt sehr genau, wie sich ein Komiker generell auf der Bühne verhalten sollte.

»Der Saal war gefüllt, alle Köpfe drehten sich der Tür zu; der hohe, kirchenähnliche Raum, welcher sonst wohl nur zu Gottesdiensten benutzt wird, hat gewiss nie so viel Eleganz und Neugier, oder sagen wir besser Spannung, vereint gesehen. Ich saß nur einige Schritte vom Podium entfernt und konnte den beliebten Humoristen genau betrachten. Ein schmales, blasses, kühnes Gesicht unter dem weißen, mähnenähnlichen Haar; dunkle, kleine, tief liegende Augen blitzten bald unter buschigen, noch dunklen Brauen, bald blickten sie scharf beobachtend in die Ferne; eine gebogene Nase mit gewölbten Nasenlöchern, ein dunkler, langer Schnurrbart über einem geistreichen Munde, ein kräftiges Kinn, dazu eine schmiegsame, leicht bewegliche, elegante Gestalt.
Hush! Hush! Er fängt an zu sprechen. Mr. Samuel Langhorne Clemens, so ist Mark Twains bürgerlicher Name, begibt sich nicht auf das Katheder; er steht auf dem Podium frei da; ja, er geht hin und her, er bewegt sich lebhaft während seines Vortrages. Niemals habe ich derartige Lachsalven gehört, wie sie hier nach jedem Satz erschollen.
Mark Twain spricht trocken, ernst; er unterstützt seine Rede durch Gesten, doch nie verzieht er seine Lippen, ja auch seine Augen lachen nicht. Was er spricht, klingt improvisiert; nur wenige Stellen aus seinem Buch „Über die deutsche Sprache“ las er vor, alles andere trug er vollkommen frei, im Plauderton vor, als sei es das Werk eines Augenblicks. Von unwiderstehlicher Komik sind seine Auslassungen über die deutsche Sprache.«

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Prima vosta 0,5: “Falconer” (ii)

betr.: Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon

Nachdem ich mit einer Schülerin den Krimi “Mord im Spiegel” ausgelesen habe – einen der letzten “Miss Marple”-Romane und ein bemerkenswert lebenskluges Buch, zudem reich an exemplarischen Übungen für das Lesen vom Blatt -,  wenden wir uns nun einer der längeren Erzählungen John Cheevers zu, für mich (subjektiv) vor allem ein Meister der Kurzgeschichte.
Nach der (allem Mord zum Trotz) sehr aufgeräumten und feinsinnigen Welt der Agatha Christie begeben wir uns damit in eine Männerdomäne, den Knast mit seinen Hierarchien und einer Sexualität, die dort – noch offensichtlicher noch als in Freiheit – Machtstrukturen abbildet. Diese Schilderungen schulen nebenbei den Umgang mit expliziten Darstellungen am Mikrofon.

Mich lädt diese Auswahl dazu ein, die beiden Übersetzungen zu vergleichen. Schon im Prolog springen ein paar Details ins Auge.
Der kurze Ausschnitt endet unmittelbar vor dem Auftritt des Helden.

Heutiges Beispiel: aus “Falconer” von John Cheever

Variante 1:

Das Hauptportal zu “Falconer” – der einzige Eingang für die Sträflinge, die Besucher und das Personal – wurde von einem Wappenschild gekrönt, auf dem Allegorien der Freiheit und der Gerechtigkeit die souveräne Regierungsgewalt flankierten. Die Freiheit trug eine Art Morgenhaube und eine Pike. Die Regierungsgewalt hatte die Gestalt des Bundesadlers, dessen eine Kralle einen Olivenzweig und dessen andere ein Bündel Jagdpfeile umklammerte. Die Gerechtigkeit gab sich konventionell: Über den Augen trug sie eine Binde, das enganliegende Gewand verlieh ihr einen vagen Anflug von Erotik, und bewaffnet war sie mit einem Henkerschwert. Das Basrelief bestand aus Bronze, doch war es inzwischen Schwarz geworden – Schwarz wie matter Anthrazit oder Onyx. Wie viele Hunderte mochten darunter schon hindurchgeschritten sein? Für die meisten war es wohl das letzte Emblem gewesen, mit dem die Menschheit den Versuch machte, das Mysterium des Gefangenseins symbolisch auszudrücken. Hunderte schätzte man zunächst, doch Tausende, ja Millionen dürften der Wahrheit wohl näher kommen. Über dem Wappenschild wurden die verschiedenen Namen der Anstalt fein säuberlich aufgezählt: “Falconer-Kerker 1871”, “Falconer-Korrektionsanstalt”, “Bundeszuchthaus Falconer”, “Staatsgefängnis Falconer”, “Falconer-Besserungsanstalt” und dann der letzte, der nie eine Chance hatte, sich durchzusetzen: “Staatsvollzugsanstalt”. Knastbrüder nannte man jetzt Insassen, Arschlöcher Vollzugsbeamte und das Oberarschloch Superintendent. Ruhm ist Glücksache – weiß der Himmel -, aber “Falconer, das für zweitausend Missetäter kaum über die notwendigen Einrichtungen verfügte, war so berühmt wie “Newgate”. Wohl waren die Wasserfolter, die gestreiften Anzüge, das Zusammenschließen, die Ketten und die Kugeln verschwunden, und wo einst der Galgen stand, gab es jetzt ein Softball-Feld. Doch zu jener Zeit, über die ich schreibe, waren in Auburn noch immer feste Fußeisen in Gebrauch. Man konnte die aus Auburn sofort am Lärm erkennen, den sie bei ihrer Ankunft machten.

“Falconer”, Droemer Knaur 1978

Variante 2:

Das Hauptportal von Falconer – der einzige Eingang für Häftlinge, Besucher und Personal – war von einem Wappen gekrönt, auf dem Allegorien der Freiheit und der Gerechtigkeit die Staatsgewalt einrahmten. Die Freiheit trug eine Spitzenhaube und war mit einem Spieß bewaffnet. Die Staatsgewalt wurde vom Bundesadler symbolisiert und hielt einen Olivenzweig und ein Bündel Jagdpfeile in den Krallen. Die Justitia bot das konventionelle Bild: die Augen verbunden, ihr eng anliegendes Gewand verlieh ihr einen Hauch von Erotik, und in der Hand hielt sie ein Richtschwert. Das Basrelief bestand aus Bronze, doch inzwischen war es ganz Schwarz – wie matter Anthrazit oder Onyx. Wie viele Menschen waren wohl darunter hindurchgeschritten? Für die meisten war es wohl das letzte Emblem gewesen, das vom Versuch des Menschen zeugte, das Mysterium der Gefangenschaft symbolisch zum Ausdruck zu bringen. Hunderte vermutlich, nein Tausende, wahrscheinlich sogar Millionen. Über dem Wappen waren die verschiedenen Namen der Anstalt aufgeführt: Falconer Kerker 1871, Falconer Besserungsanstalt, Falconer Bundeszuchthaus, Falconer Staatsgefängnis, Falconer Justizvollzugsanstalt und schließlich der letzte, der sich nie durchgesetzt hatte: Haus Morgenröte. “Knackis” hießen jetzt Häftlinge, “Wachteln” Vollzugsbeamte und der ”Häuptling” Direktor. Ruhm ist launisch, weiß der Himmel, aber Falconer, das kaum genug Platz für zweitausend Straftäter bot, war so berühmt wie Newgate. Zwar waren die Wasserfolter, die gestreiften Sträflingsanzüge, das Marschieren im Gleichschritt, die Ketten und Kugeln abgeschafft worden, und wo einst der Galgen gestanden hatte, befand sich inzwischen ein Softballfeld, doch zu jener Zeit, über die ich schreibe, waren in Auburn noch immer Fußeisen in Gebrauch. Die Männer aus Auburn waren an dem Lärm zu erkennen, den sie bei ihrer Ankunft machten.

“Willkommen in Falconer”, Dumont 2012

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Kultfilm Azubis: Urban Professionals

Erinnert sich noch jemand an diese Typen, die man rund ums neue Millennium als Yuppies bezeichnet hat: die Young Urban Professionals? Um solche Leute, die sich beim Streben nach Glück ein wenig verrannt haben, geht es im heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/american-psycho-glengarry-glen-ross

A) American Psycho
Amerikanische Sozialsatire von 2000

Der eitle Wall-Street-Broker Patrick Bateman jongliert mit Millionen, führt ein von Luxus und pseudointellektuellem Smalltalk bestimmtes Leben. Er verachtet sein soziales Umfeld, das er als ebenso hohl und degeneriert empfindet wie sich selbst. Anders als seine Freunde sucht er sich jedoch ein Ventil für seinen Welt-Ekel: er verübt sadistische Morde, über die er gelegentlich sogar ganz offen spricht. Doch er wird als Scherzbold missverstanden. Seine Taten bleiben ohne jede Konsequenz …

Der Zeitgeist der Jahrtausendwende lässt sich auch am Wirbel ablesen, den der Skandalroman „American Psycho“ von Bret Easton Ellis 1991 erzeugte – ein Erfolg, der die Verfilmung fast obligatorisch machte. Der ehemalige Kinderstar Christian Bale hätte die Rolle, die ihn nachhaltig berühmt machen sollte, um ein Haar an einen berühmteren Kollegen verloren. Doch alle fürchteten einen drohenden Image-Verlust und die Schinderei durch Training und Diät, um den makellos-narzisstischen Psychopathen überzeugend darstellen zu können. Bale hat sich auch später gern für extreme Auftritte vor der Kamera geschunden.

B) Glengarry Glen Ross
Amerikanisches Drama von 1992

In einem New Yorker Maklerbüro versuchen vier Grundstücksspekulanten alter Schule, per Telefon Käufer für ein wertloses Sumpfgebiet zu finden. Die Zentrale schickt einen protzigen Topmanager, der sie als „Versager“ beschimpft und ihnen ein Ultimatum stellt. Derjenige, der in den nächsten Tagen die meisten Abschlüsse tätigt, bekommt einen Luxuswagen. Die beiden schlechtesten Verkäufer werden entlassen. Das bedeutet Krieg unter den Kollegen, doch es führt auch zu einer seltsamen Allianz …

Auf der Bühne trug dieses Kammerspiel von David Mamet den hübscheren Titel „Hanglage Meerblick“. Die komplett männliche Darstellerriege wirkt heute wie aus einem Casting-Märchenbuch. Der Jüngste ist Kevin Spacey, der Älteste sein Förderer Jack Lemmon, der im Herbst seiner Karriere eine besonders denkwürdige Darstellung abliefert: die tragische Karikatur seines tragikomischen Helden C. C. Baxter, in Billy Wilders „The Apartment“. Das Theaterstück erhielt den Pulitzerpreis, der Film fiel beim Publikum durch.

Nächste Woche: La Strada – Das Lied der Straße und Coma  

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Der Song des Tages: „Zwei Märchenaugen“

betr.: 100. Jahrestag der Welt-Uraufführung der Operette „Die Zirkusprinzessin“ von Emmerich Kálmán im „Theater an der Wien“

Mr. X – unkenntlich durch eine Maske – führt im Zirkus eine gefährliche Reit- und Springnummer vor. Als er der schönen Fürstin Fedora Palinska vorgestellt wird, die ihm zuvor applaudiert hat, erkennt sie ihren einstigen Verehrer nicht wieder und behandelt ihn herablassend. Mr. X ist der Interpret des Liedes, um das es geht.
Es ist ein wenig unhöflich, eine Arie, von der eine Fassung des großen Fritz Wunderlich vorliegt, lieber von jemand anderem zu hören. Wunderlich versteht die Nummer vom (augenscheinlich heiteren) Refrain her, von der Titelzeile des „Operetten-Glanzlichtes“ „Wenn man das Leben durchs Champagnerglas betrachtet“; das Tempo ist von Anfang an flott und beschwingt.
Die vorangehende Strophe „Wieder hinaus“ entdeckte und begriff ich erst, als ich sie in einer dieser insgesamt spießigen Operettenverfilmungen des ZDF, die in meiner Jugend häufig gezeigt wurden, den damals sehr populären Rudolf Schock singen sah und hörte. Wie er in seiner Künstlergarderobe die Verachtung beklagt, mit der das Bürgertum seinesgleichen behandelt – ungeachtet des bescherten Frohsinns und der bereiteten Zerstreuung – das ist groß und wahr und wahrhaftig.
Schock gibt dieser Arie von den „Zwei Märchenaugen“ ihre Doppelbödigkeit zurück und macht aus dem Champagnerglas ein Gewässer, aus dem man nicht nur schlürfen, sondern in dem man auch ersaufen kann. Er hebt sie hinauf in den stilübergreifenden Lieder-Olymp, in dem solche unerreichten einschlägigen Meisterstücke wie „Laugh Clown Laugh“ und „Let’s Face The Music And Dance“ verwahrt sind.

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