The Golden Years

Als ich  mit der Aufgabe des Gesichtslehrers an der Joop Van Den Ende Academy betraut wurde, meinte mein Direktor aufmunternd, ich sei ja kein Professor Unrath. Das freute mich (damals zehn Jahre jünger als Emil Jannings, als er diesen schrecklichen Pädagogen im Film verkörperte), und das Amt hat mir über all die Jahre, die dieser geile Laden existierte, große Freude gemacht.
Inzwischen sind 20 Jahre vergangen, und ich fühle tatsächlich eine erste tiefergehende Entfremdung von jungen Leuten – eine, die von außen kommt. Vereinzelt sind mir in den letzten Jahren Menschen um die 20 begegnet, auf die ich spontan sehr irritierend gewirkt habe, außerirdisch, vollkommen schräg.
Um nicht missverstanden zu werden: schon von meinen Mitschülern (also gleichaltrigen Kindern) trennte mich ein klaffender Mentalitätsunterschied. Seltsam fand man mich eigentlich immer, und ich habe die meiste Zeit damit zugebracht, an diesem Effekt zu arbeiten – durch Korrekturen einerseits und Entschlossenheit an anderer Stelle.
Doch was sich jetzt langsam aufmacht, hat eine neue Qualität. Zumal ich als männlicher Boomer weißer Hautfarbe dem kindlichen Blick ein ganzes Bündel von Angriffsflächen biete. Das Abenteuer beginnt.

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Alien zum Mitreisen gefunden

Unser aktueller Podcast beschäftigt sich mit:

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Star Wars: The Mandalorian and Grogu
von Jon Favreau
mit Pedro Pascal, Sigourney Weaver, Jeremy Allen White

Das Dunkle Imperium ist gefallen und die imperialen Kriegsherren sind weiterhin über die Galaxis verstreut. Während die Neue Republik daran arbeitet, alles zu schützen, wofür die Rebellion gekämpft hat, sichern sie sich die Unterstützung des legendären mandalorianischen Kopfgeldjägers Din Djarin und seines jungen Lehrlings Grogu. Doch Mando hat Grund, an der moralischen Qualität seines Auftrags zu zweifeln – und wird in seinen Befürchtungen bestätigt … Als 13. Spielfilm der „Star-Wars“-Filmreihe von George Lucas zählt der Film nicht zur neunteiligen Skywalker-Saga, sondern ist eine Fortsetzung der Fernsehserien „The Mandalorian“ (seit 2019) und „Das Buch von Boba Fett“ (2021-22).

Monty Arnold und Torben Sterner sahen den Film vorab und besuchten die Pressekonferenz – siehe auch den Beitrag auf YouTube!

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Notes On A Podcast: „Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“*

Im Sommer stand das Gras
Ich war in der Prärie
Ein Häuptling hoch zu Pferd
Ich fand mein Lager nie  
Die Großen hatten wohl
den Westen schon zerstört.

Jacques Brel: „Mon Enfance

„Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“ ist ein Lieblingsfilm für viele, die ihn kennen. Besonders für die Jungs. (Dass Stephen King ihn für die gelungenste Verfilmung eines seiner Bücher hält, hat gewiss auch damit zu tun, dass es hier kein Horrorstoff ist, der die Vorlage bildet.)
Mich lässt er bei aller Sympathie für seine Figuren und bei aller Anerkennung seiner Vorzüge eher kalt. Ich mag ihn, aber er berührt mich kaum. Eigentlich nur ein einziges Mal, und das kommt so spät (siehe unten), dass ich mir die Frage nicht verkneifen kann: Warum erst jetzt?
Ich glaube, der Film kann nichts dafür. Ich bin einfach nicht gemeint.

Die Melancholie, die ihn durchzieht, beruht ganz wesentlich auf der latenten Traurigkeit, den letzten Sommer der Kindheit und Jugend zu erleben, bevor der sprichwörtliche Ernst des Lebens beginnt.
Auch ich denke gern an die heißen Sommer in den endlosen Wiesen hinter dem elterlichen Grundstück zurück, an die riesig wirkenden blühenden Gräser und die vielen Insekten.
Aber es gab kein Baumhaus. Und auch eine Klicke, in der ich mich hätte geborgen fühlen können, hatte ich nicht. Wenn Kiefer Sutherland um die Ecke kam, musste ich allein mit ihm fertigwerden.
Ich war nicht nur Klassenclown, Klassensprecher und schlecht im Sport – alles obligatorisch für die Vertreter meines Berufes –, nein, ich war ein Außenseiter. Ich war der Außenseiter. Dass es später Modewörter wie „Bully“ oder „Mobbing“ dafür geben würde, wusste ja keiner.
So war es für mich keine unangenehme Vorstellung, dass all das irgendwann vorbei sein würde. Ich konnte das Ende dieser Lebensphase der Fremdbestimmung, der erzwungenen Wohngemeinschaft, des Ausharrens auf dem Dorfe nicht erwarten. Ich lechzte danach, endlich erwachsen zu werden und in die Stadt zu ziehen.
Als ich es endlich tun konnte, hatte ich – aller späteren Krisen zum Trotz – die schrecklichste Zeit meines Lebens tatsächlich hinter mir, und meine Dankbarkeit für diese Veränderung hat niemals aufgehört.

Verschworene Gemeinschaften wie in „Stand By Me“ kannte ich nur aus dem Fernsehen, wo man sie in zahlreichen Jugendfilmen und -Mehrteilern als einen bürgerlichen Mythos immer wieder vorgeführt bekam (ähnlich dem der Liebe zu Vater und Mutter oder dem Haustiermythos à la „Flipper“ oder „Skippy, das Buschkänguru“).
Insofern betrifft der Schlusssatz des Films auch eher die glücklicheren Buben in dieser und anderen Geschichten: „Ich hatte später niemals solche Freunde wie damals, als ich zwölf war. Aber, mein Gott – wer hat die schon?“
Die Stelle, die mir größere Rührung verursachte, ist jene unmittelbar davor. Da sagt der inzwischen erwachsene Erzähler über das weit zurückliegende letzte Abenteuer: „In der folgenden Zeit sahen wir Teddy und Vern immer weniger und weniger, bis sie schließlich nur noch zwei weitere Gesichter auf dem Schulhof waren. Manchmal ist das so im Leben: Freunde kommen und gehen wie Kellner in einem Restaurant.“
Diese Einschränkung war und ist ungewöhnlich. Sie ist bemerkenswert.
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* Der Podcast zu „Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“ erscheint am 12. Juni.

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Die letzte Bilderflut

Zu meinem Bedauern lese ich, dass der Klebebildchenhersteller „Panini“ schweren Zeiten entgegensieht, weil ihm ein US-amerikanischer Nachahmer die Fußball-Rechte abspenstig gemacht hat, die den Löwenanteil des Gewinns einspielen. Auch für mich als lebenslanger Fußball-Muffel, bei dem Abziehbilder heute zu den wenigen Dingen gehören, die er nicht sammelt, hat dieser Firmenname einen melodischen Klang. Ich hatte in meiner Kindheit ein „Mainzelmännchen“-Sammelalbum, mein großer Bruder zur selben Zeit eines über „Bonanza“. Leider sind beide nicht erhalten. Was überlebt hat, ist das „Raumschiff Enterprise“-Album, das einzige, das ich tatsächlich vollständig beklebt habe.

In dem Artikel wird von den Maschinen berichtet, die in Modena die WM-Sticker für den Versand schneiden, sortieren und verpacken. Die Druckbögen sind meterbreit und beinhalten 200 Spielerfotos dicht an dicht. Natürlich müssen die fertigen Bilder gemischt werden, ehe sie in den Tütchen verschwinden, um die Sammler zu verwirren. Auch dafür gibt es wieder riesige Maschinen.
Captain Kirk hätte Bauklötze bestaunt, wenn er diesen Ort hätte besichtigen dürfen.

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„Beyond E.T.“

betr.: Eurovision Song Contest

„The Apple“ (deutsch: „Star Rock“, 1980) ist ein schrill-erotisches Science-Fiction-Rockmusical von Menahem Golan, das laut Wikipedia und Imdb 1994, laut der Dokumentation „Electric Boogaloo“ im Tel Aviv des Jahres 2025 spielt.
Welche Variante man auch wählt: ein paar seherische Skills kann man diesem Riesenflop von 1980 nicht absprechen: Das isrealische Bruder-Schwester-Duo Dandi und Pandi am „Worldvision Song Festival“ teil, derweil ein mächtiges Musikimperium die Massen kontrolliert.
Weder die Sex-Choreographien (ein Song hieß: „I’m Coming“) noch die literarische Vorlage (die Schöpfungsgeschichte) konnten dem Film helfen.
Im Premierenkino sind damals Schallplatten mit dem Soundtrack verteilt worden, die das empörte Publikum angeblich zornig gegen die Leinwand geschleudert hat. Einige sollen steckengeblieben sein …

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Kultfilm Azubis: Einer gegen alle

Themenschwerpunkt Ayn Rand (4/4)

Im heutigen Podcast sehen wir zwei einsamen Wölfen dabei zu, die sich gegen das System auflehnen. Der erste Film führt uns zurück in die idyllische Zeit, als es noch keine Shitstorms gab. Jemanden öffentlich zu vernichten, war noch richtig harte Arbeit!
Torben Sterner spielt zur Zeit Theater, deswegen bespreche ich das heutige Programm mit einer Kollegin, die hier schon zu Gast war: Franzi Blass.

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Ein Mann wie Sprengstoff / The Fountainhead
Amerikanisches Drama von 1949

Mit seiner Vision einer radikal neuen Architektur bringt Howard Roark Fachwelt, Kundschaft und Öffentlichkeit gegen sich auf, während sein gefallsüchtiger Weggefährte Peter Keating mit seinen müden Konzepten Erfolg hat. Die Architekturkritikerin Dominique Francon – ebenso stur und kompromisslos wie Roark – schlägt sich auf seine Seite, als der Medientycoon Gail Wynand ihn öffentlich vernichten will. Roark und Francon halten zusammen, obwohl sie einander zu ähnlich sind, um als Paar zu funktionieren. Sie geben auch in dieser Sache nicht auf …

Dies ist ein Kultfilm aus dem Giftschrank, eine durchgeknallte Kuriosität – und ein ganz und gar einzigartiger Film. Aus den Filmographien seines Regisseurs King Vidor wie aus der seines Stars Gary Cooper ist er so gut wie gelöscht. Seine in Europa praktisch unbekannte Autorin, die Russin Ayn Rand, wird in den USA noch immer heiß diskutiert. Das Internet ist uns keine Hilfe, dort schreibt ein verbohrter Polemiker vom anderen ab, und keiner von ihnen macht den Eindruck, als habe er einen der beiden 1600-Seiten-Romane von Rand tatsächlich gelesen. Gleichwohl ist Nr. 2 “Atlas wirft die Welt ab” laut einer Umfrage von 1991 in den USA das meistgelesene Buch nach der Bibel.

Michael Clayton
Amerikanischer Thriller von 2007

Der hochbegabte Anwalt Michael Clayton versauert als Ausputzer in einer noblen New Yorker Anwaltskanzlei. Nun soll er sich er sich um seinen durchgedrehten Kollegen Edens kümmern: der droht, die kriminellen Machenschaften eine wichtigen Geschäftskunden öffentlich zu machen. Clayton tut sein Bestes, Edens wieder auf Linie zu bringen. Dabei kommt er ins Nachdenken über die moralische Qualität seines Tuns – und gilt unversehens als Sicherheitsrisiko, das aus dem Weg geräumt werden soll …

George Clooney ist häufig mit dem legendären Cary Grant verglichen worden, der trotz seines fabelhaften Aussehens ein fähiger Komödiant war. Einen seiner besten Auftritte hatte Clooney in diesem Drama, in dem sein charmanter Witz gar nicht angerufen wurde. Die kluge Figurenzeichnung erinnert an Sidney Lumet, die Geschichte des an sich netten Burschen, der es mit einem krakengleichen System aufnimmt, an James Stewart – aber mit mehr Sarkasmus. Autor und Regisseur Tony Gilroy hat mit seichter Ware wie der „Bourne“-Trilogie größere Furore gemacht, doch immerhin wurde “Michael Clayton“ für sieben Oscars nominiert. Tilda Swinton erhielt einen davon für ihre Schurkenrolle.

Nächste Woche: Bodyguard und Du lebst noch 105 Minuten

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Gütesiegel Auftrittsverbot

betr.: Abschied von Gert Thumser im BKA Theater

So kann’s gehen: ein zurückliegender Blog zu Gert Thumser führte dazu, dass ich an der Abschiedsfeier und -show teilnehmen und ihr somit auch aus Zuseher beiwohnen konnte. Gerds wichtigste Bühnenpartnerin Cora Frost hat ihn ausgerichtet und moderiert.
Biggy van Blond sagte auf der Bühne u.a. dies über das legendäre Duo:

Sie schufen surreale Highlights wie ihren KurtWeill-Abend. Darin spielte Gert als sehr großes Kleingeld einen von drei Groschen nach gleichnamiger Weill-Oper, die das Leben des Komponisten erzählten. Weills Erben ließen das Stück verbieten. Klar, dass die beiden auch beim TIPI-Allstars-Hit „Frau Luna“ nicht fehlten und dort als Venus und Mars brillierten. Nein, Gert war NICHT die Venus! (…) die Teufelsberger um Ades Zabel (…) rekrutierten ihn für ihre „Edgar Wallace“-Parodie „Croco Diabolo – Der Tod steckt in der Handtasche“. Als Fressmonster Blob folterte er in seinem Keller und kopulierte auf offener Bühne mit seiner Herrin Karin Hoene* – ein verstörender Auftritt, der den Kindern der „Croco“-Kostümbildnerinn, die diese leichtsinnigerweise zur Premiere mitgenommen hatte, schlaflose Nächte bescherte.

Der schönste Witz aufs Gerts Kosten, an den ich mich erinnere, wurde an diesem kugellustigen Abend leider nicht zitiert, daher will ich ihn nachreichen. Er stammt von Thomas Hermanns, Gerts Entdecker und Förderer: „Wenn du so weiterfutterst, kriegst du noch eine eigene Postleitzahl!“
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* Name der Kunstfigur

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Unfug ist Fantasie am falschen Platz

betr.: Was ist Science Fiction? (3)

Fortsetzung vom 4.5.2026

Heute (da ich dies schreibe) ist Fantasy eines der beliebtesten Genres der Literatur, und das Computerspiel (auch dieses eine zumeist fantastische Angelegenheit) die am raschsten wachsende Sparte der Popkultur. Außerdem wird unsere Weltwahrnehmung mehr und mehr von jenen „alternativen Fakten“ durchseucht, die wir eigentlich den genannten und anderen Schönen Künsten überlassen sollten.
Vor diesem Hintergrund hat der Hinweis seine Berechtigung, dass es Zeiten gab, in denen alles Phantastische selbst in der höheren Literatur (abseits von Märchen, Religion und Aberglauben) verpönt war. Das Nicht-Reale musste erst etabliert, die Bahnen, in denen es verlaufen konnte, mussten definiert und ausgetüftelt werden. Jule Vernes oben zitierte Kritik an Poe ist Ausdruck dieses Haderns und Herausfindens unter der Generation von Erzählerinnen und Erzählern, die die Gattung formten.

Für Dietmar Daths „Niegeschichte“, aus der wir in dieser Reihe zitieren, ist die „Aufhebung des Unglaubens“ beim damaligen wie beim heutigen Publikum ein so bestimmender Faktor für die Rezeption der SF an sich, dass er dafür eine eigene Sprachregelung mit dem Leser vereinbart.

»Die literarische Kernkonvention der Fantastik nenne ich den (oder einen: es gibt mehrere) Aufhebungsfunktor.
Das Wort “Aufhebung” nehme ich mir von [Samuel Taylor] Coleridge (…): Man glaubt zwar, während man eine Werwolfsgeschichte genießt, nicht an Werwölfe, aber man hebt den Unglauben willentlich auf, man klammert ihn ein, man tut ihn beiseite. Ich betrachte diese Aufhebung als einen Funktor (…)[=] eine Abbildung (eine Funktion, ein Morphismus) zwischen Kategorien.«
Während wir uns darauf einlassen, behalten gewisse Alltagserfahrungen ihre Gültigkeit.
Beispiel: das Loslassen und seine Folgen. Ein Beispiel bildet der Blickwechsel »ein intaktes rohes Ei in der Hand auf ein zerstörtes rohes Ei auf dem Fußboden ab. Dieser Schritt, diese Funktion gehört zur Kategorie “Welterfahrungserwartungen” (wenn wir das Ei loslassen, können wir uns aus Erfahrung denken, was passiert.«
Das gilt bis auf Widerruf. Wie das Auflösungszeichen in der Notenschrift, kann das hier wirksame Naturgesetz (Schwerkraft) aufgehoben werden, wenn etwa ein Telekinet das Ei fallen lässt.
Der Aufhebungsfaktor ist nach dieser Definition »das, was zum Beispiel Coleridge benutzt, um die Leute für die Dauer der Lektüre von “Rime Of The Ancient Mariner” vergessen zu lassen, dass es keine verwunschenen Seevögel gibt. (…) [Unser Realitätssinn kann] deshalb durch etwas anderes (hier: die Logik des Fluchs) ersetzt werden«, während vieles von dem, was wir Landratten über Meer und Seefahrt wissen, seine Gültigkeit behält.

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Warnung vor dem Wasserspeier

betr.: 80. Geburtstag von Daniel Libeskind / Themenschwerpunkt Ayn Rand (3/4)

Der polnisch-amerikanische Architekt und Stadtplaner Daniel Libeskind hat alles erreicht, was in seiner Profession möglich ist (definitorische Überraschungen einmal ausgenommen), und ist prominenter als die meisten „Promis“ (noch nie war die Verniedlichung in diesem Wort so illusionsfrei und sarkastisch grundiert wie heute). Zum Helden in Erzählwerken bringt es sein Berufsstand nur selten, was angesichts seiner Assoziation mit Begriffen wie „Größe“ und „Beständigkeit“ verwundert.
Immerhin wurde der Schauspieler Adrien Brody kürzlich für seine Hauptrolle in der Hollywood-Großproduktion „Der Brutalist“ gefeiert, in der er den fiktiven Architekten László Tóth spielte.
Wenige solcher Figuren haben wir gesehen, seit Gary Cooper vor mehr als einem Dreivierteljahrhundert eine solche Figur auf der Leinwand verkörpert hat: Howard Roark, auch dies eine erfundene Figur.
2018 gab es immerhin eine vierstündige Theaterproduktion, der die selbe literarische Vorlage zugrundelag, die schon Coopers Auftritt anschob: „The Fountainhead“ von Ayn Rand.
Dies ist die sinngemäße Wiedergabe der Einführung in diese Hamburger Inszenierung durch die Thalia-Dramaturgin
Susanne Meister.

Wenn Sie von der russisch-amerikanischen Autorin  Ayn Rand noch nie etwas gehört haben sollten – das geht vielen so. In den USA verkaufen sich ihre Bücher angeblich besser als die Bibel. Der Roman „The Fountainhead“, den Sie heute abend in der Theaterfassung „Fountainhead“ sehen, ist 1943 erschienen. Er wurde zweimal ins Deutsche übersetzt: 1946 unter dem Titel „Der ewige Quell“ und 2000 als „Der Ursprung“. Beide deutschen Fassungen sind vergriffen und nicht nachgedruckt worden. Wir haben es geschafft, noch je ein Exemplar zu ergattern – zu stolzen Preisen, wobei unser Geschäftsführer nicht davor zurückschreckte, den Antiquariaten beim Verhandeln auch Theaterkarten anzubieten.
Ein „Fountainhead“ ist laut Duden der Brunnenkopf oder die Quelle. Ayn Rand spielt auf den Menschen als Quell der Kreativität an, als Brunnen einer Idee. Gern lässt sie überlebensgroße Figuren auftreten, die sich ihre eigenen Gesetze machen, die nicht in der Masse aufgehen, sich keiner Gesellschaft unterordnen möchten. Der titelgebende Ursprung ist ein Quell neuer Ideen und  Gesellschaftstheorien. In „The Fountainhead“ ist das der unangepasste, innovative Architekt Howard Roark.

Der Theaterabend, der Rands Roman auf die Bühne bringt, spielt natürlich mit ihren Ansichten. Es kommt uns erst mal ein bisschen seltsam vor, was für Theorien das sind, die den „großen Einzelnen“ da antreiben. Sie haben sich aus dem Vorleben der Autorin entwickelt.
Ayn Rand wird 1905 unter dem Namen Alissa Rosenbaum in Sankt Petersburg geboren. Die Familie gehört zur oberen Mittelschicht. Der Vater besitzt eine Apotheke, und bis Alissa dreizehn ist lebt sie sehr komfortabel. Dann zerbricht ihre bürgerliche Idylle in den Wirren der Oktoberrevolution. Familie Rosenbaum flieht vor den Bolschewiki auf die Krim, die Apotheke wird enteignet, und eigene Biografen sprechen sogar davon, dass die Familie hungert.
Jahre später kehren die Rosenbaums zurück in eine Stadt, die nun Leningrad heißt. Alissa beginnt ein Studium der Geschichte und Philosophie. In der jungen Sowjetunion kommt sie dadurch mit der marxistischen Lehre in Berührung, die sich für sie durch die traumatisierende Erfahrung der Revolution bereits erledigt hat.
Die Idee des Kommunismus, der Herrschaft des Proletariats, wird für sie auf immer ein Rotes Tuch bleiben. Alissa kann sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, ihr Leben in einem solchen System zu fristen. Stattdessen begeistert sich die junge Studentin für den Gegenentwurf: Amerika. Dieses Land lernt sie durch das Hollywood-Kino jener Jahre kennen. Sie beginnt, Kurse im Drehbuchschreiben zu belegen und gelangt 1926 tatsächlich auf Umwegen in die USA.
Dort erfindet sie sich neu. Sie nennt sich jetzt Ayn Rand – ihren neuen Nachnamen hat sie auf ihrer Schreibmaschine gefunden, einer Remington Rand, was eine hübsche Geschichte ist. Sie schlägt sich zunächst mit schlecht bezahlten Jobs in Hollywood durch und lernt den einflussreichen Regisseur Cecil B. DeMille kennen. Sie arbeitet als Komparsin und schreibt die Drehbücher anderer Leute um, wofür sie sich ja bereits qualifiziert hat.
Es folgen ein eigenes Drehbruch und einige Stücke für den Broadway: eine Hollywoodkarriere wie aus dem Bilderbuch.

1929 kommt es zum Börsenkrach. 25 % der Amerikaner sind arbeitslos und Präsident Roosevelt versucht, mit den Sozialreformen des New Deal die Armut abzufedern. Für Rand ist das ein Albtraum. Sie sieht ihr Paradies, ihr „Land of the free“ gefährdet, eine Art zweiter Sowjetstaat zu werden, der sich ungebührlich in die Belange der Bürger einmischt.
In ihrer ersten Erzählung „We The Living“ lässt sie ihrem Hass auf die „Versklavung durch politische Moral“ freien Lauf.  Der Staat habe sich gefälligst aus dem Leben der Menschen herauszuhalten. Besonders vehement lehnt sie  den Wohlfahrtsstaat ab. Da ist wieder ihr Credo: Der Einzelne muss es alleine schaffen!
Damit werden wir uns heute abend auseinanderzusetzen haben.

Ihren ersten großen Roman „The Fountainhead“ schreibt sie während des zweiten Weltkrieges. Er wird von zwölf Verlegern abgelehnt, ehe er seiner Autorin 1943 zum großen Durchbruch verhilft. Bis heute wurden über sechs Millionen Exemplare verkauft, der Text in zwanzig Sprachen übersetzt.
Das Milieu der Architektur, in dem sich Unternehmergeist und eine künstlerische Vision miteinander verbinden, ist die ideale Trägerschicht für Rands Botschaft.
Zu Recherchezwecken arbeitete sie einige Monate unbezahlt in einem Architekturbüro und machte sich fleißig Notizen. Im Roman finden sich bei genauem Hinsehen einige reale Figuren aus der Ära des Baus der großen Wolkenkratzer mit ihrer modernistischen Architektur, die nur eine Richtung kannte: aufwärts und in schwindelnde Höhen. Der Held Howard Roark, den Sie heute Abend kennenlernen werden, ist Ende 20, die Handlung spielt Anfang der 30er Jahre in New York. Und Howard Roark ist freilich jemand der sich nicht anpassen will. Er sagt: „Ich werde nie für andere Leben, und ich werde nie von anderen verlangen, dass sie für mich leben!“

Rands nächster Roman „Atlas Shrugged“ treibt dieses Konzept noch weiter. Dort streiken ungewöhnlicherweise nicht die Arbeiter, sondern die Chefs großer Unternehmen. Es wird das Chaos durchgespielt, das auszubrechen droht, wenn die Menschen an der Spitze sich weigern, weiterhin die Richtung vorgeben. Es ist bis heute das einflussreichste Buch der Autorin und ihr letztes fiktionales Werk. Fortan wird sie nur noch in Pamphleten und Artikeln ihre besondere pro-kapitalistische Philosophie verbreiten. Ihrem „Objektivismus“ wird sie mithilfe getreuer Anhänger in Kalifornien ein Institut errichten. Ähnlich wie bei den Scientologen wird sich zeckenartig über verschiedene Stufen zum höchsten erreichbaren Rang emporgearbeitet.
Als Ayn Rand 1982 stirbt, hinterlässt sie Amerika eine illustre Schar von Bewunderern, etwa den Chef der US Notenbank Alan Greenspan und nicht  zuletzt den selbsternannten König aller Kapitalisten: Alan Greenspan.*

Der Kern des Objektivismus wird im heutigen Stück diskutiert. Er lautet im Grunde: Vernünftig ist, was mir nutzt. Er bietet eine perfekte Ersatzmoral für erfolgsorientierte Unternehmer, die sich weder von ihren Mitmenschen noch vom Staat bei der Durchsetzung ihrer Interessen behindern lassen möchten.
Spätestens jetzt fragen Sie sich vielleicht: was gucken wir uns da heute Abend eigentlich an?
Ayn Rand stellt ihrem Helden Howard Roark, dem genialen Einzelnen, einen schwachen Gegenspieler entgegen, den Büro-Architekten Peter Keating, der sich anpasst, der baut, was der Markt von ihm fordert. Wir haben in einer solchen Theaterfassung, befreit von den Kommentaren der Autorin, die Möglichkeit, diese Figuren und ihre Positionen gegeneinander antreten zu lassen und uns die Frage zu stellen: Ist es denn richtig, was Howard Roark da macht? Unser Regisseur Johann Simons hat diesen Stoff gewählt, um einen Kampf der Ideen vorzuführen. In den Zeiten des Neoliberalismus bietet er uns eine interessante Möglichkeit, uns auch die Gegenargumente vor Augen zu führen. Der belgische Dramaturg Koen Tachelet hat die Theaterfassung eingerichtet; er und der Regisseur haben schon zusammengearbeitet.
Es  ist mir wichtig, Ihnen mitzugeben, dass die beiden Ayn Rands Deutung unterlaufen und dass die Charaktere heute abend gewissermaßen für sich selbst sprechen werden. Die Diskussion ist offen und kann von Ihnen nach dem Ende der Vorstellung gern weitergeführt werden. (…)
Offen ist auch die Frage, ob es dem alten Freund des Helden, des Peter Keating (der nach der Devise verfährt: „Man muss bauen, was die Leute haben wollen und kann nicht immer sein Ding durchziehen.“) nicht vielleicht ebenfalls gelingt, „Werte zu schaffen“, eben nur andere, als Roark es kann.
Und ich denke, dass wir mit dem Schauspieler Jörg Pohl eine sehr starke Besetzung für diesen Keating gefunden haben, einen starken Gegenspieler für den sehr auf sich bezogenen Künstler. Einen Künstler, der sich nicht unbedingt dafür interessiert, dass in seinen Bauwerken schließlich Menschen wohnen werden.
Aber wie gesagt: über die Sympathieverteilungen lässt sich nach dem Theaterabend trefflich streiten.

In diesem Drama zweier Männer gibt es gleichwohl noch weitere Figuren, die – ungeachtet der weit zurückliegenden Zeit ihrer Erschaffung – lebendige, heutige Charaktere sind. Da ist zum Beispiel der Kritiker Toohey, ein Machtstratege. Da ist der schwerreiche Medienmogul Wyland, der seine Zeitungen dazu benutzt, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Ein weiterer Grund, diesen Stoff zu wählen, ist die Journalistin Dominque Francon, eine überaus kämpferische und zur Provokation neigende Frauenfigur. Ayn Rand stellt sie zwischen drei sehr starke und machtbewusste Männer, und diskutiert an dieser Dreiecksbeziehung entlang offensiv aus, was persönliche Freiheit in romantischen Beziehungen bedeuten kann. Natürlich belässt es die Hollywoodautorin nicht bei Ideologien, sondern baut mehrere kontroverse Liebesgeschichten in ihren Plot ein.

Ich habe Ihnen ziemlich viel über die Philosophie erzählt, weil es mich ehrlich gesagt in den Proben sehr fasziniert hat, mich damit zu beschäftigen. Im Grunde ist das, was sie heute auf der Bühne sehen, aber noch relativ weit vom Objektivismus und den einschlägigen Pamphleten entfernt. Es geht um eine Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft. Es ist bedauerlich, dass die begabte Hollywood-Schreiberein sich von der Fiktion ab- und der politischen Philosophie zugewandt hat. Sie ist eine spannende Erzählerin, die weiß, wie man einen Plot konstruiert und wie man Szenen mit kämpferischen Persönlichkeiten bestückt: wundervolle Figuren für unser Ensemble.
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* Hier begeht Susanne Meister den populären Denkfehler, einen Nichtleser wie Donald Trump (dessen Bewunderung allenfalls Autokraten gilt) zu einem Fan der Autorin hochzudekorieren. In diesen Tagen macht Trump mit Kevin Warsh einen persönlichen Günstling zum Chef der US-Notenbank, was weder Rand noch Alan Greenspan gefallen hätte. Es ist mal wieder alles nicht so einfach …

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Das neblige Ende der langen Bank

„Schonnoch!“ – Meine Mutter liebte dieses Wort. Wann immer sie zu etwas keine Lust hatte, sagte sie mit mahnender Stimme, das würde sie „schonnoch“ erledigen. Und weil sie eine von Haus aus tüchtige Person war, konnte man sich felsenfest darauf verlassen, dass die besagte Verrichtung unerledigt bleiben würde, weil Mutter sie insgesamt für vernachlässigbar hielt, sich dafür aber heimlich schämte. War man anderer Meinung, musste man die Sache eben selbst in die Hand nehmen.
Was mich daran wurmte, war nicht, dass meine Mutter auf manche Dinge keine Lust hatte. Das ist ja allzumenschlich, wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder für alles zuständig fühlte? Aber die Inaussichtstellung, sich ein andermal um etwas zu kümmern, was man ganz gewiss nie und nimmermehr tun wollte, verstimmte mich. „Schonnoch“ ist mir bis heute ein persönliches Unwort.
Es fasst zusammen, was ich mir selber nicht erlauben möchte. Wenn ich etwas unsinnig finde oder nicht als meine Aufgabe ansehe, mache ich anderen und vor allem: mir selbst auch nichts vor. Diese Vermeidungstaktik trifft nicht nur sinnlose Tätigkeiten oder tatsächlich bitter Notwendiges, sie verhindert auch Taten der Selbstoptimierung, der Regeneration und der Inspiration.
Inzwischen ist mir aufgefallen, dass es Dinge gibt, die sich überhaupt nur mit Muße erledigen lassen. Mein wohlbegründetes Vorurteil dazu lautet: Das berühmte Buch, für dessen Lektüre unsere Politiker keine Zeit haben, wie einige von ihnen manchmal sagen, wird auch dann nicht zur Hand genommen werden, wenn diese Leute einmal Urlaub machen, sich wegen eines Burn-out in einer Auszeit befinden oder wenn sie abgewählt werden, ihre Ämter niederlegen o.ä. Dieses Buch wird entweder kurzfristig gelesen – mittelfristig, in einer Kampfpause – oder schonnoch.

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