So siehst du aus!

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Dorothy L. Sayers (1893-1957)
Die geheimnisvolle Entführung

Alice Wetherall (vorher – nachher)

Ausgerechnet dieser glänzende Arzt auf dem Höhepunkt seines Lebens und seines Rufes, und Alice Wetherall, dies feine, goldblonde Frauenbild, in diesen verlorenen Erdenwinkel verbannt! Sein Herz schlug ein wenig schneller bei dem Gedanken, dass er sie wiedersehen sollte.
(…) Er trat näher und erkannte ein Portrait von Alice Wetherall, das er zuletzt in New York gesehen hatte. Es war von Sargent*, in einem seiner besten Augenblicke gemalt; das liebliche Wiesenblumengesicht schien sich, strahlend vor Leben, aus dem Rahmen herniederzuneigen.
Plötzlich barst im Kamin ein Klotz und fiel funkensprühend zusammen. Als habe das Geräusch und der Lichtschein etwas aufgestört, vernahm er mit einemmal – oder bildete er es sich ein? – eine Bewegung in dem großen Lehnstuhl vor dem Feuer. Nichts war zu sehen, aber ein neues Geräusch hatte eingesetzt, eine Art leises, tierhaftes Murmeln, äußerst unangenehm anzuhören. Es konnte nicht von einem Hund oder eine Katze hervorgebracht sein, dessen war er sicher. Es klang saugend oder schmatzend und traf ihn auf sonderbar ekelerregende Weise. Dann kamen ein paar kurze Grunz- oder Kreischtöne, und dann war es still.
(…) Wetherall trat auf den Kamin zu, seine Augen sonderbar starr auf Langley geheftet. Dann sagte er, zum Lehnsessel gewandt:
„Alice, steh auf, meine Liebe, und begrüße einen alten Verehrer. Komm. Ihr werdet beide euren Spaß daran haben. Steh auf.“
Etwas scharrte und winselte zwischen den Polstern. Wetherall neigte sich mit fast übertrieben höflicher Miene und stellte das Etwas auf die Beine. In Augenblick, und es trat Langley im Lampenlicht gegenüber.
Es trug ein kostbares Kleid aus goldfarbener Seide und Spitze, das zerknüllt und faltig um den dicken, schlaffen Körper hing. Das Gesicht war weiß und gedunsen, der Blick leer, der Mund stand töricht offen, kleine Speicheltropfen rannen aus den Winkeln herab. Eine trockene, rostfarbene Strähne klebte auf dem kahlen Schädel wie die toten Haarbüschel auf dem Kopf einer Mumie.
„Komm, mein Liebes, sag Mr. Langley guten Tag.“
Das Wesen blinzelte und stieß ein paar unmenschliche Laute aus. Wetherall schob seine Hand unter den Arm des Geschöpfes, und es streckte langsam eine leblose, tierähnliche Klaue aus.
„Da, sie erkennt Sie. Ich dachte es mir. Gib ihm die Hand, meine Liebe.“
Langley wurde von Übelkeit gewürgt, als er die kraftlose Hand erfaßte. Sie fühlte sich feuchtkalt und rauh an und erwiderte seinen Druck nicht. Er ließ sie los; einen Augenblick tappte sie unsicher ins Leere, dann fiel sie herab. „Ich fürchtete, Sie würden aus der Fassung geraten“, sagte Wetherall, der ihn aufmerksam beobachtete. „Ich habe mich daran gewöhnt, und es berührt mich nicht mehr so sehr wie einen Außenstehenden. Zwar sind Sie kein Außenstehender – alles andere als das – nicht? Vorzeitige Senilität ist, glaube ich, die laienhafte Bezeichnung für dieses Phänomen. Erschütternd, natürlich, wenn man es nie zuvor gesehen hat. Sie brauchen im übrigen nicht darauf zu achten, was Sie sprechen. Sie versteht nichts.“

* John Singer Sargent (1856-1925)
_________________
https://www.amazon.de/Die-geheimnisvolle-Entf%C3%BChrung-andere-Kriminalgeschichten/dp/3436010774

Veröffentlicht unter Krimi, Literatur, Manuskript | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Der Welt größte Häufchen

Der Film, um den es heute geht, wird bereits als großes Dino-Abenteuer angekündigt – was schade ist, weil man ohne dieses Wissen viel mehr Freude an dem Spannungsbogen der ersten halben Stunde hätte. Aber das lässt sich nicht ändern. Zusammen mit Volker Robrahn gehe ich im heutigen Podcast dem auf den Grund, wann an Spaß noch übrigbleibt:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/the-end-of-oak-street

The End Of Oak Street
Ein Horror-Action-Familien-Spaß von David Robert Mitchell

Eine sommerliche amerikanische Vorstadt Anfang der 80er Jahre. Die Platts sind eine nette, normale Familie – obwohl Mutter Denise und Vater Greg kleine Krisen und die Teenager Audrey und Brian kleine Geheimnisse haben. Nächtliche Kugelblitze und seltsame Alltagsphänomene stiften Verwirrung. Doch was dann passiert, übertrifft jede böse Vorahnung: der Sprengel rund um die Oak Street mit dem Grundstück der Platts wird in die graue Vorzeit transportiert: in die Zeit der Dinosaurier. Wie sich herausstellt, sind nur die wenigsten der Riesenechsen sanftmütige Pflanzenfresser …
 
Namen wie J. J. Abrams, Ann Hathaway und Ewan McGregor als Papa Platt verweisen auf eine Mega-Produktion – was der Film auch ist. Sein stilechter Eighties-Look lässt ihn kleiner wirken, und die Schauwerte – allen voran die wilden Dinosaurier – bescheren uns ein nostalgisches, trotz einzelner Grausamkeiten unschuldiges Vergnügen. Das ganz große Rätsel ist: auf welche Zielgruppe legt der Film es an?

Veröffentlicht unter Film, Podcast, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

John Barrys Verdruss mit James Bond

Endlich: mein erster Eintrag in der „Cinema“!

Der besagte Komponist habe außerdem „The James Bond Theme“ komponiert – so ist es bis heute in den Abspännen der 007-Filme zu lesen. In der Tat stammt die zentrale Tonfolge, die vom E-Bass gespielt wird, von einem Song aus Monty Normans Musical „A House For Mr. Biswas“. Es wird ein ewiges Rätsel bleiben, warum John Barry diese paar Noten in das Bond-Thema einarbeitete, das ansonsten ganz klar von seinem Beitrag und seiner charakteristischen Instrumentierung lebt. Viele Jahre lang wurde vor Gericht darüber gestritten, wem die Komponisten-Credits an dem Evergreen wirklich zustehen. Dass letztlich gegen Barry entschieden wurde, hat zu dessen Entfremdung von der Bond-Serie beigetragen.

Im Hintergrund-Buch zu „25 Jahre James Bond“ ließ die „Cinema“ die oben genannten Verdienste Monty Normans noch weiter zusammenschrumpfen als in dem obigen aktuellen Ausriss. Da heißt es zu den Dreharbeiten von „Dr. No“:

»Komponist Monty Norman war während der ersten Wochen Drehzeit beim Team und und hatte einige hochrhythmische Calypso-Songs entdeckt, die er für die Filmmusik verwenden wollte. Darunter befanden sich „Underneath The Mango Tree“ [auf den Plattentaschen und in den Booklets bis heute stets als „Under The Mango Tree“ – die Red.], das seelenvolle „Jump Up Jamaica“ und eine Calypso-Version der „Three Blind Mice“, die als Eröffnungsmusik des Films ausgewählt wurde und gleichzeitig auch die drei „blinden“ Bettler einführte. Die Produzenten hatten „Byron Lee’s All Chinese Band“ engagiert, um die Songs zu spielen.
(…) Obwohl Monty Norman als Komponist der Musik für „Dr. No“ angegeben ist, war es John Barry, der die zündende Themamusik schrieb, die eine Art Markenzeichen der Bond-Serie wurde. Broccoli und Saltzman waren mit dem Titelthema, das ihnen Norman geliefert hatte, nicht zufrieden gewesen. Und Barry, der 1956 eine eigene, sehr jazzorientierte Gruppe gegründet hatte, lieferte ihnen bereits die Musik für drei andere Filme. „The Amorous Prawn“, „The L-Shaped Room“ und „Never Let Go“. Er wurde gebeten, sobald wie möglich ein dynamisches Thema für „Dr. No“ zu schreiben, und tatsächlich gelang es ihm, diese Aufgabe zu erledigen, ohne dass er den Film je gesehen hatte. Man hatte ihm einfach nur einen Zeitablauf in die Hand gedrückt und ihn gebeten, sich ein zweieinhalb-Minuten-Thema einfallen zu lassen, dass zum Vorspann passte. Obwohl er das Stück ohne Vorlage komponierte, war es kein total neues Original. Barry machte Anleihen bei seinem eigenen Instrumental-Repertoire [sowie bei seinem Song „Poor Me“, den er für Adam Faith orchestriert hatte – die Red.], speziell bei einem kleinen Stück mit dem Titel „Bea’s Knees“, in dem die gleiche scharf geschlagene Gitarre auftauchte. Eingangs ahnte wohl niemand, wie populär diese 2 1/2 Minuten einmal werden sollten. Barrys Honorar für das James-Bond-Thema. ganze 200 Pfund – weniger als 500 Dollar!«



Veröffentlicht unter Film, Filmmusik / Soundtrack | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Still, da komm ich selbst!

Es ist wichtig, wie ein Buch anfängt. Wie das bei „Popóm“ aussieht, berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. In diesem Roman wird das unverwüstliche literarische Doppelgängermotiv mit einer neuen Variante aufgeladen.

Seine Endzwanziger hat sich Hendrik Popom anders vorgestellt. In seinem Agenturjob sitzt er seine Zeit ab, und mit seiner Freundin lief es auch schonmal besser.
In einem Kiosk um die Ecke möchte er eigentlich nur eine Kleinigkeit einkaufen, doch durch diesen kurzen Ausflug gerät sein Leben aus den Fugen. Er begegnet einem älteren Mann und weiß augenblicklich: Dieser Mann bin ich selbst. Er läuft ihm nach, spricht ihn an. Der andere empfindet nichts dergleichen, verbittet sich die Belästigung und verschwindet.
Wie paralysiert kehrt Hendrik in die Wohnung zurück, völlig ratlos, wie er der Liebsten seinen Zustand erklären soll …
Mit diesem famos erzählten Paukenschlag (er steht als Leseprobe online*) beginnt „Popóm“. Donnerwetter!

Johanna Sebauer lebt im Burgenland. 2023 erschien ihr vielbeachtetes Romandebüt „Nincshof“. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2024 erhielt sie für ihren satirischen Text „Das Gurkerl“ den Publikumspreis und den 3sat-Preis.
___________
* https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1078707942?msockid=0e9fbe28b56b65de2d80a8bdb4196489

Veröffentlicht unter Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die wiedergefundene Textstelle: Tauben *** im Park

Wie alt wird sie gewesen sein? Vielleicht 70 oder 80. Sie wohnte schon immer in dem Viertel. Die Leute hatten sie gern, die kleine Alte, deren einzige Beschäftigung darin bestand, die Tauben zu füttern. Jeden Tag die Tauben zu füttern.
Den ganzen Tag war sie in den öffentlichen Anlagen und verteilte mit vollen Händen Weizenkörner. Die Wächter in den Parkanlagen kannten sie und grüßten sie voller Rührung. Ein Fotograf hatte sie um Erlaubnis gebeten, eine Ansichtskarte von ihr zu machen, die die Alte inmitten ihrer Tauben zeigte. Sie war natürlich dazu bereit. Auf ihre Art war sie berühmt.
Eines Tages erfuhr man – wie, weiß ich nicht, durch ihr Testament vielleicht -, dass die vielen Körner, die sie verteilt hatte, vergiftet waren. Viele Jahre hindurch hatte sie lächelnd mehrere tausend Tauben vergiftet.
Die Leute aus dem Viertel wollten es gar nicht glauben. Sie machte einen so netten Eindruck.

Georges Simenon: „Die Verlobung des Monsieur Hire“

Veröffentlicht unter Krimi, Literatur, Manuskript | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Jetzt altern schon die Comicfiguren

Heute hatte ich im Studio mehrfach den Namen „Donald Duck“ auszusprechen. Das heißt, ab der zweiten Erwähnung stand da nur noch „Donald“, und kaum hatte ich das gesagt, brach ich selbst ab und fragte nach der Aussprache-Regelung. Ich neige nämlich zu einem dualen System, also dazu, den Vornamen der berühmten Ente deutsch auszusprechen, wenn der Vorname ohne den Nachnamen auftaucht. Und dann, wenn es um die Comics geht (- da hieß er für meine Generation eben nicht „Donnld Dack“, sondern „Donald Duck“).
Außerdem ist der anglophone „Donnld“ inzwischen von einer abscheulichen Bedeutung überlagert worden, von der Walt Disney noch nichts ahnen konnte.
Die Antwort der Regie war überraschend und auch wieder nicht. Es müsse schon die englische Aussprache sein. Und – „Hä?“ – die deutsche gibtsjaganich.
Der zweite Hinweis hat mich etwas erschauern lassen. Da merkte ich mal wieder, wie die Zeit vergeht …

Veröffentlicht unter Comic, Mikrofonarbeit, Monty Arnold - Biographisches | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Summer Of Kult: Endzeit und Apokalypse

Wer diesen Podcast ein bisschen kennt, der weiß, dass ich auf vielgeschmähte Dinge wie „Unterhaltung“ und „Eskapismus“ – was nichts anderes bedeutet als „Zerstreuung, Ablenkung“ – nichts kommen lasse. Ich halte so etwas für wichtig. Der Beruf des Entertainers ist ein edles Handwerk. Und außerdem halte ich es mit Hans Magnus Enzensberger: „Eskapismus? Was denn sonst bei dem Sauwetter?“
Damit könnte auch das Welt- und Gesellschaftsklima gemeint sein.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-endzeit-und-apokalypse

Der Kalte Krieg brachte im Kino eine Strömung hervor, die unser heutiges Epochengefühl genau trifft. Sie schlängelte sich durch Gattungen wie Science-Fiction, Drama und Polit-Thriller, fühlte sich aber im Horror besonders wohl: der Endzeit-Film.
In seiner heutigen Form ausdefiniert hat ihn Alfred Hitchcock, eher nebenbei: im dritten Akt seines Klassikers „Die Vögel“.
Die Filme unseres heutigen Programms waren einmal pure Unterhaltung, und sie sind inzwischen allesamt – noch ’ne Schublade! – Zeitstücke. Da haben wir den Salat: die Grenzen zwischen Unterhaltung und dem realen Leben sind fließend. Das Leben imitiert die Kunst.
In der ersten Staffel „Alle 42 Kultfilme“ hatten Torben Sterner und ich nur einen solchen Titel zu behandeln, und der ist nicht nur ein Kultfilm, sondern – aller billigen Machart zum Trotz – außerdem ein Klassiker des Horrorfilms. Heute könnte man ihn sogar als Ursprung eines Franchise bezeichnen, aber das wäre nun wirklich zu grauenvoll!


Die Nacht der lebenden Toten
/ Night Of The Living Dead
Amerikanischer Horrorfilm von 1968

Beim Besuch auf einem ländlichen Friedhof wird ein junges Paar von einem benebelten Wüstling attackiert. Der Junge wird umgebracht, das Mädchen rettet sich in ein einsames Farmhaus. Dort trifft sie auf eine kleine Gruppe Gestrandeter, die sich verbarrikadieren, um nicht von einer Horde Untoter gefressen zu werden. Sie ahnen es nicht, doch sie befinden sich im Zentrum der ersten klassischen Zombie-Apokalypse des Kinos.

Mit Mini-Budget, Abfällen aus der Schlachterei und vielen Freunden und Bekannten revolutionierte George A. Romero den Horrorfilm, ein Genre, das von jeher dazu prädestiniert war, für kleines Geld ein großes Publikum zu finden. Das Wort Zombie war bisher auf Angehörige von Naturvölkern angewandt worden, die sich in einen rituellen Trance-Zustand begeben hatten. Romero hat sich an dem popkulturellen Trend, den er da ausgelöst hatte, später selbst beteiligt.

Zwischen zwei Welten / Between Two Worlds
Phantastisches US-Melodram von 1944

Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Londoner Flüchtlinge ist glücklich, dem deutschen Bombenhagel entkommen zu sein und sich auf einem Dampfer zu befinden, der sie nach Amerika bringen soll. Ihre Erleichterung ist so groß, dass ihnen ein paar Merkwürdigkeiten zunächst nicht auffallen. So ist das einzige Besatzungsmitglied ist ein älterer Steward, der ihren Fragen ausweicht und sie immer wieder ermuntert, es sich bequem zu machen. Einzig ein Paar junger Selbstmörder ahnt, was hier gespielt wird: die Reise führt nicht über den Atlantik, sondern über den Styx – geradewegs ins Totenreich …

„Zwischen zwei Welten“ ist wie der Kultfilm und Klassiker „Casablanca“ ein Liebesdrama der Warner Brothers aus der Kriegszeit, das von ihm zwei wichtige Nebendarsteller übernimmt. Das zentrale Liebespaar – Paul Henried und Eleanor Parker – ist etwas blass, umgibt sich jedoch mit einem wahrhaft malerischen Ensemble. „Outward Bound“, das zugrundeliegende Theaterstück von Sutton Vane, stammt von 1923 und profitiert davon, dass es in die Gegenwart der Filmadaption übertragen wird: den zweiten Weltkrieg.

Das letzte Ufer / On The Beach
Amerikanisches Endzeit-Drama von 1959

Im Jahre 1964 hat ein Nuklearkrieg die Welt entvölkert. Eine radioaktive Wolke bewegt sich unaufhaltsam auf den letzten noch unbehelligten Kontinent Australien zu, wo die Welt augenscheinlich noch in Ordnung ist. Die Menschen genießen das Leben, solange sie noch können, der Originaltitel „On The Beach“ verweist darauf. Unterdessen verteilt die Regierung vergifteten Tee an das Volk, um ihm zu gegebener Zeit ein würdevolles Ende zu ermöglichen. Parallel dazu bricht ein amerikanisches U-Boot auf, um einem mysteriösen Funksignal nachzugehen. Gibt es etwa doch noch menschliches Leben da draußen?

Als erste große Kinoproduktion macht dieser Schwarzweißfilm die drohende (hier bereits vorweggenommene) Nuklearkatastrophe zu seinem Plot. Der couragierte Filmemacher Stanley Kramer leitet ein eindrucksvolles Ensemble.

Nächste Woche: Kultstar Marlon Brando

Veröffentlicht unter Film, Podcast | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Restlos alles über Eva

betr.: Deutschlandfunk Kultur: „Die Unverschämten – Eine Lange über Bad Girls im Kino“ (vom 31.7.2026)* / „All About Eve“ (USA 1950)

Die Sendung ist ein großer Spaß, obwohl sie für diese Sendereihe ein sehr schlichtes Konzept hat (das bei Film-Features hin und wieder zur Anwendung kommt und nicht immer gleich gut funktioniert): sie setzt sich nur aus Inhaltsangaben sorgfältig ausgewählter älterer Spielfilme zusammen, die mit O-Tönen aus der Original- wie auch aus der deutschen Synchronfassung gespickt werden. Das Ziehen von Schlüssen bleibt den Zuhörenden überlassen, die Infos und O-Töne helfen dabei.
Gewürdigt werden Klassiker, aber auch so Unerwartetes wie „Baby Face“ von 1930 oder das japanische Drama „Wenn eine Frau die Treppe hinaufsteigt“.
Zum Schluss geht es um „Jackie Brown“, der zu meiner Freude als Quentin Tarantinos bester Film bezeichnet wird (ohne das heute übliche Subjektivitätsgefasel oder ängstliche einschränkende Füllwörter). Seine Inhaltsangabe endet vor der Mitte der Handlung – ein Stilmittel zum Ende der langen Nacht, das überdies einen Film angeht, den die meisten kennen und der häufig zu sehen ist.
Etwas bedauerlicher ist, dass auch bei „All About Eve“ das Finale nicht miterzählt wird. In der Sendung wird der Aufstieg der Monroe als Apotheose des Films eingeordnet, doch der spielte sich ja in der Realität ab. Die Moral von der Geschichte ist aber gerade für das Sujet des Features von großer Wichtigkeit und überhaupt eine Gipfelleistung auf dem Gebiet der allegorischen Pointe wie auch der Kunst, einen Film zu beenden.

Die intrigante Eve (Anne Baxter) hat es also geschafft, ihre berühmte, ältere Kollegin Margo Channing auszuschmieren und ihren Platz am Broadway einzunehmen. Die Rahmenhandlung – eine Theater-Preisgala zu ihren Ehren – ist vorüber, der Epilog beginnt. Channing und ihre Getreuen verlassen die Veranstaltung, voll Verachtung für die Aufsteigerin, doch insgesamt nicht unglücklich mit der Situation. Eve hat für ihre Hinterhältigkeit bereits einen Preis zahlen müssen: der Starkritiker Addison DeWitt (George Sanders, der eigentliche Bösewicht des Films, der Eve an Niedertracht noch überlegen ist) hat sie qua Erpressung sexuell an sich gekettet: er hat die Macht dazu.
Völlig erschöpft zieht sich Eve in ihr Hotelzimmer zurück, zu dem ein junges Mädchen sich Zutritt verschafft hat. Sie rührt die Diva mit ihrer scheinbar dümmlichen Verehrung und wird nicht hinausgeworfen. Unbemerkt von ihr posiert sie mit deren frisch erworbener Theatertrophäe vor dem Spiegel: die nächste Intrigantin ist unterwegs.
Diese Szene ist atemberaubend – sogar nach einem Film, der uns auf der betreffenden Meta-Ebene schon mehr als zwei Stunden lang aufs Höchste gefesselt und amüsiert hat. Der Soundtrack von Alfred Newman (der hier zu einer Art Krönungsmesse anschwillt) ist der Sahnetupfer auf dem Sahnetupfer.
______________
* https://www.deutschlandfunkkultur.de/lange-nacht-bad-girls-im-kino-die-unverschaemten-102.html

Veröffentlicht unter Film, Gesellschaft, Hörfunk, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

The Bigger Brother

betr.: 42. Todestag von Richard Burton

Als 1984 die zweite (und bessere) Verfilmung des gleichnamigen SF-Klassikers von George Orwell in den Kinos lief, war ihr Hauptdarsteller bereits von uns gegangen: der Weltstar Richard Burton. Ich hatte ihn gerade aus alten Filmen wie „Das Gewand“ vor Augen und entsprechende Mühe, ihn in diesem Spielalter wiederzuerkennen. Als Folterer, der den Helden Winston Smith auf Linie zu bringen hat, kommt er sogar darauf zu sprechen: „Sie denken, dass mein Gesicht alt und müde ist. Dass ich, während ich von Macht rede, überhaupt nicht in der Lage bin, den eigenen Verfall zu verhindern. Aber das Individuum ist nur eine Zelle, Winston. Aus der Müdigkeit der Zelle erwächst die Kraft des Organismus.“
Sekunden zuvor hatte er einen berühmteren Ausspruch getan: „Wollen Sie eine Zukunftsvision, Winston? Sie müssen sich ein Paar Stiefel vorstellen, die ununterbrochen auf einem Gesicht herumtrampeln.“

Als Filmmusik-Album (ich war bereits in wilder Sammelwut entbrannt) mussten wir uns damals mit einem Pop-Album von den Eurythmics veräppeln lassen („1984 (For the Love of Big Brother)“), auf dem wohl mancherlei zu hören war, aber nicht der eigentliche Soundtrack von Dominic Muldowney. Der erschien erst vor wenigen Jahren, und ich fand ihn rein zufällig bei einem meiner selten gewordenen Besuche im letzten kümmerlichen Filmmusik-Fach des örtlichen Elektromarktes: ein Sensationsfund!
Muldowney komponierte für diese Dystopie die „Ozeania“, ein Hosianna aus einschmeichelnd-pathetischer Gehirnwäsche-Musik, die tatsächlich aus einer östlichen Diktatur stammen könnte (wo gute sinfonische Musiker ja allweil zur Verfügung standen).
Ich werde zur Feier des Tages außerdem „The Robe“ auflegen, einen ganz gradlinigen Historien-Soundtrack von Alfred Newman.

_____________
https://www.amazon.de/1984-DVD-John-Hurt/dp/B00C7HLVL6 / https://www.jpc.de/jpcng/movie/detail/-/art/Das-Gewand/hnum/4054720

Veröffentlicht unter Film, Filmmusik / Soundtrack, Literatur, Science Fiction | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

So siehst Du aus! (7)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Thomas Mann (1875-1955)
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Der Schauspieler Müller-Rosé (vorher – nachher)

Bei seinem ersten Auftreten war er schwarz gekleidet, und dennoch ging eitel Glanz von ihm aus. Dem Spiele nach kam er von einem Treffpunkt der Lebewelt und war ein wenig betrunken, was er in angenehmen Grenzen, auf eine verschönte und veredelte Weise vorzutäuschen verstand. Er trug einen schwarzen, mit Atlas ausgeschlagenen Pelerinenmantel, Lackschuhe zu schwarzen Frackhosen, weiße Glacés und auf dem schimmernd frisierten Kopf, dessen Scheitel nach damaliger militärischer Mode bis zum Nacken durchgezogen war, einen Zylinderhut. Das alles war vollkommen, vom Bügeleisen im Sitz befestigt, von einer Unberührtheit, wie sie im wirklichen Leben nicht eine Viertelstunde lang zu bewahren wäre, und sozusagen nicht von dieser Welt. Besonders der Zylinder, der ihm auf leichtlebige Art schief in der Stirn saß, war in der Tat das Traum- und Musterbild seiner Art, ohne Stäubchen noch Rauheit, mit idealischen Glanzlichtern versehen, durchaus wie gemalt, – und dem entsprach das Gesicht dieses höheren Wesens, ein Gesicht, das wie aus feinstem Wachs gebildet erschien. Es war zart rosafarben und zeigte mandelförmige, schwarz umrissene Augen, ein kurzes, gerades Näschen sowie einen überaus klar gezeichneten korallenroten Mund, über dessen bogenförmig geschwungener Oberlippe sich ein abgezirkeltes, ebenmäßiges und wie mit dem Pinsel gezogenes Schnurrbärtchen wölbte. Elastisch taumelnd, wie man es in der gemeinen Wirklichkeit an Betrunkenen nicht beobachten wird, überließ er Hut und Stock einem Bedienten, entglitt seinem Mantel und stand da im Frack, mit reich gefältelter Hemdbrust, in welcher Diamantknöpfe blitzten. Mit silberner Stimme sprechend und lachend, entledigte er sich auch seiner Handschuhe, und man sah, daß seine Hände außen mehlweiß und ebenfalls mit Brillanten geziert, ihre Innenflächen aber so rosig wie sein Antlitz waren. An der einen Seite der Rampe trällerte er den ersten Vers eines Liedes, das die außerordentliche Leichtigkeit und Heiterkeit seines Lebens als Attaché und Schürzenjäger schilderte, tanzte alsdann, die Arme selig ausgebreitet und mit den Fingern schnalzend, zur anderen Seite und sang dort den zweiten Vers, worauf er abtrat, um sich vom Beifall zurückrufen zu lassen und vor dem Souffleurkasten den dritten Vers zu singen. Dann griff er mit sorgloser Anmut in die Geschehnisse ein.
Dem Stücke zufolge war er sehr reich, was seiner Gestalt eine bezaubernde Folie verlieh. Man sah ihn bei fortschreitender Handlung in verschiedenen Toiletten: in schneeweißem Sportanzug mit rotem Gürtel, in reicher Phantasie-Uniform, ja gelegentlich einer ebenso heiklen wie zwerchfellerschütternden Verwicklung sogar in Unterhosen aus himmelblauer Seide. Man sah ihn in kühnen, übermütigen, bestrickend abenteuerlichen Lebenslagen: zu den Füßen einer Herzogin, beim Champagner-Souper mit zwei anspruchsvollen Freudenmädchen, mit erhobener Pistole, bereit zum Duell mit einem von Grund aus albernen Nebenbuhler. Und keine dieser eleganten Strapazen konnte seiner Makellosigkeit etwas anhaben, seine Bügelfalten zerrütten, seine Glanzlichter auslöschen, seine rosige Miene unangenehm erhitzen. Zugleich gefesselt und gehoben durch die musikalischen Vorschriften, die theatralischen Förmlichkeiten, aber frei, keck und leicht innerhalb der Gebundenheit, war sein Benehmen von einer Anmut, der nichts Fahrlässig-Alltägliches anhaftete. Sein Körper schien bis in das letzte Fingerglied von einem Zauber durchdrungen, für den nur die unbestimmte Bezeichnung »Talent« vorhanden ist und der ihm offensichtlich ebensoviel Genuß bereitete wie uns allen. Zu sehen, wie er die silberne Krücke seines Stockes mit der Hand umfaßte oder beide Hände in die Hosentaschen gleiten ließ, gewährte inniges Vergnügen; seine Art, sich aus einem Sessel zu erheben, sich zu verbeugen, auf- und abzutreten, war von einer Selbstgefälligkeit, die das Herz mit Lebensfreude erfüllte. Ja, dies war es: Müller-Rosé verbreitete Lebensfreude, – wenn anders dies Wort das köstlich schmerzhafte Gefühl von Neid, Sehnsucht, Hoffnung und Liebesdrang bezeichnet, wozu der Anblick des Schönen und Glücklich-Vollkommenen die Menschenseele entzündet.
(…) Wenn wir in unseren Unterhosen dort oben stünden (…) – wie würden wir bestehen? Und wie keck und ebenbürtig er mit zwei so anspruchsvollen Freudenmädchen verkehrt! – Wenn Müller-Rosé vom Schauplatze abtrat, so fielen die Schultern hinab und eine Kraft schien von der Menge zu weichen. Wenn er, erhobenen Armes einen hohen Ton aushaltend, in sieghaftem Sturmschritt vom Hintergrunde zur Rampe vordrang, so schwollen die Busen ihm entgegen, daß die Atlastaillen der Frauen in den Nähten krachten. Ja, diese ganze beschattete Versammlung glich einem ungeheuren Schwarme von nächtlichen Insekten, der sich stumm, blind und selig in eine strahlende Flamme stürzt.

Mein Vater unterhielt sich königlich. Allein nach Schluß der Vorstellung, draußen auf dem Gange, (…) sagte mein Vater zu mir: »Komm mit, wir wollen ihm doch die Hand schütteln. Gott, als ob wir nicht genaue Bekannte wären, Müller und ich! Er wird enchantiert sein, mich wiederzusehen.« Und nachdem er unseren Damen befohlen hatte, in der Vorhalle auf uns zu warten, brachen wir wirklich auf, um Müller-Rosé zu begrüßen. (…) wir schritten weiter bis zur letzten, an der unteren Schmalseite des Ganges gelegenen Tür, und dort klopfte mein Vater, indem er sein Ohr zu dem pochenden Knöchel hinabbeugte. Man antwortete drinnen: »Wer da?« oder: »Was, zum Deibel!« Ich erinnere mich nicht genau des hellen, aber unwirschen Anrufs. »Darf man eintreten?« fragte mein Vater; worauf es antwortete, daß man vielmehr etwas anderes, in diesen Blättern nicht Wiederzugebendes tun dürfe. Mein Vater lächelte still und verschämt und versetzte: »Müller, ich bin es – Krull, Engelbert Krull. Man wird Ihnen doch wohl noch die Hand schütteln dürfen!« Da lachte es drinnen und sprach: »Ach, du bist es, altes Sumpfhuhn! Na, immer ’rein ins Vergnügen! – Sie werden ja wohl«, hieß es weiter, als wir zwischen Tür und Angel standen, »nicht Schaden nehmen durch meine Blöße.« Wir traten ein, und ein Anblick von unvergeßlicher Widerlichkeit bot sich dem Knaben dar. An einem schmutzigen Tisch und vor einem staubigen und beklecksten Spiegel saß Müller-Rosé, nichts weiter am Leibe als eine Unterhose aus grauem Trikot. Ein Mann in Hemdärmeln bearbeitete des Sängers Rücken, der in Schweiß gebadet schien, mit einem Handtuch, indes er selber Gesicht und Hals, die dick mit glänzender Salbe beschmiert waren, vermittels eines weiteren, von farbigem Fett schon starrenden Tuches abzureiben beschäftigt war. Die eine Hälfte seines Gesichtes war noch bedeckt mit jener rosigen Schicht, die sein Antlitz vorhin so wächsern idealisch hatte erscheinen lassen, jetzt aber lächerlich rot-gelb gegen die käsige Fahlheit der anderen, schon entfärbten Gesichtshälfte abstach. Da er die schön kastanienbraune Perücke mit durchgezogenem Scheitel, die er als Attaché getragen, abgelegt hatte, erkannte ich, daß er rothaarig war. Noch war sein eines Auge schwarz ummalt, und metallisch schwarz glänzender Staub haftete in den Wimpern, indes das andere nackt, wässerig, frech und vom Reiben entzündet den Besuchern entgegenblinzelte. Das alles jedoch hätte hingehen mögen, wenn nicht Brust, Schultern, Rücken und Oberarme Müller-Rosés mit Pickeln besät gewesen wären. Es waren abscheuliche Pickel, rot umrändert, mit Eiterköpfen versehen, auch blutend zum Teil, und noch heute kann ich mich bei dem Gedanken daran eines Schauders nicht erwehren. Unsere Fähigkeit zum Ekel ist, wie ich anmerken möchte, desto größer, je lebhafter unsere Begierde ist, das heißt: je inbrünstiger wir eigentlich der Welt und ihren Darbietungen anhangen. Eine kühle und lieblose Natur wird niemals vom Ekel geschüttelt werden können, wie ich es damals wurde. Denn zum Überfluß herrschte in dem von einem eisernen Ofen überheizten Raum eine Luft – eine aus Schweißgeruch und den Ausdünstungen der Näpfe, Tiegel und farbigen Fettstangen, die den Tisch bedeckten, zusammengesetzte Atmosphäre, daß ich anfangs nicht glaubte, ohne unpäßlich zu werden, länger als eine Minute darin atmen zu können.  (…)  Ich erinnere mich, daß der Sänger, obgleich doch der begeisterte Beifall des Publikums ihn seines Triumphes hätte müssen versichert haben, unaufhörlich fragte, ob er gefallen, in welchem Grade er gefallen habe – und wie sehr verstand ich seine Unruhe! (…) Dies also – so etwa gingen damals meine Gedanken –, dies verschmierte und aussätzige Individuum ist der Herzensdieb, zu dem soeben die graue Menge sehnsüchtig emporträumte! Dieser unappetitliche Erdenwurm ist die wahre Gestalt des seligen Falters, in welchem eben noch tausend betrogene Augen die Verwirklichung ihres heimlichen Traumes von Schönheit, Leichtigkeit und Vollkommenheit zu erblicken glaubten! (…)
Empfinde noch mehr! Frage dich, was den abgeschmackten Witzbold trieb, diese abendliche Verklärung seiner selbst zu erlernen! Frage dich nach den geheimen Ursprüngen des Gefälligkeitszaubers, der vorhin seinen Körper bis in die Fingerspitzen durchdrang und beherrschte!
_________________
https://www.thomasmann.de/werk/romane/felix-krull

Veröffentlicht unter Literatur, Manuskript | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen