Noch ’ne unheimliche Begegnung

Neu im Kino:

Disclosure Day
Fantastisches Thrillerdrama von Steven Spielberg

Der wegen Hackings und Diebstahls vorbestrafte Wissenschaftler Daniel Kellner nutzt eine verdeckte Operation der Regierung zur Flucht, nachdem er ein kosmisches Artefakt an sich genommen hat. Noah Scanlon, der Leiter des Verteidigungsministeriums, hetzt eine Armee von Spezial-Einsatzkräften hinter ihm her. Doch Daniel hat einen Helfer. Der mysteriöse Hugo Wakefield lenkt ihn per Mobiltelefon und weist ihm immer neue Verstecke zu.
Hugo will Daniel mit der Fernseh-Wetterfee Margret zusammenbringen, die zu ihrer eigenen Überraschung seit kurzem über die Gabe verfügt, das ganze Leben eines Menschen zu sehen und alle seine Geheimnisse zu wissen, sobald sie ihm nur ins Auge blickt. Seit sie vor laufender Kamera in Trance eine kosmische Botschaft das Publikum gerichtet hat, wird auch sie von Noahs Leuten gejagt.
Margaret und Daniel kennen einander nicht, doch sie sind Teil eines großen Plans – und einer alten Rechnung, die Hugo und Noah miteinander offen haben …

Steven Spielberg kehrt mit Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth und Colman Domingo zu seinen thematischen Wurzeln zurück. Ein weltweites Phänomen erschüttert das Vertrauen der Menschen in die Politik, die etablierte Wissenschaft und die Medien – und es kommt von irgendwo da draußen.

Volker Robrahn, Torben Sterner, Ronny Fanta und Monty Arnold sahen und besprechen den Film gemeinsam:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/disclosure-day

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Die Oper als Schimpfwort

betr.: Schimpfen in der Popkultur

Dass kulturelle Begriffe gern zu Schimpfwörtern umgebaut warden, ist Alltag und hat seinen Ursprung in der Verachtung, die das Bürgertum schon immer gegenüber den Schönen Künsten pflegte, soweit diese nicht von der Religion vereinnahmt waren. “Was ist das hier für ein Zirkus?” oder “Mach kein Theater!” drückt einen Missmut aus, der sich mit Vokabeln wie “Messe”, “göttlich”, “heilig” oder “Weihe” nicht formulieren ließe.
Die Oper ist besonders dankbar, weil sie schon qua Größe von Anspruch, Konzept und aufwändiger Umsetzung eine unerreichte Angriffsfläche bietet. Die etwas aus der Mode gekommene Redensart “Quatsch keine Opern!” hat ihre Vorläufer in der Terminologie der Mediengeschichte. Eine “Soap Opera” war in den “Roaring Twenties” des 20. Jahrhunderts zunächst eine (oftmals von Seifenherstellern) gesponserte, schlichte dramatische Erzählung in Reihen- oder Serienform im Radio. Erst in den frühen 80er Jahren kam der Begriff als “Seifenoper” im deutschen Sprachgebrauch an, um besonders lang laufende (episch erzählte!) US-Serien zu bezeichnen: “Dallas”, “Der Denver-Clan” und “Falcon Crest” waren die ersten, die so bezeichnet wurden – abfällig natürlich.
Inzwischen ist die Oper wieder aus dem Terminus verschwunden, und “Soap” meint endlos-Serien aus billiger Fertigung – deutsche Endlos-Serien.

1941 kam weitere Herabsetzung auf: der Begriff “Weltraum-Oper”.
Das noch recht junge Genre der Science-Fiction wurde damit auf seine weniger anspruchsvollen Vertreter reduziert – obwohl es auf diesem Gebiet damals wie heute gewaltige Ambitions- und Qualitätsunterschiede gab.
Der SF-Fan (außerdem SF-Autor und –Kritiker) Wilson Tucker musste keine einzige Singspielbühne besuchen, um dieses Schimpfwort auszubrüten, er hängte sich an einen sprachlichen Trend an, der neben der “Seifen-Oper” bereits die “Pferde-Oper” (für schlechte Western) ausfindig gemacht hatte. Doch der Schmähbegriff wandelte sich zum Gütesiegel, denn das Lesevolk liebt von jeher nicht nur anspruchsvoll-allegorische Fantastik à la Capek, Asimov und Lem, es konsumiert bevorzugt Trash.
Dessen Topoi hat Dietmar Dath in “Niegeschichte” exemplarisch am Beispiel des (zunächst literarischen) Helden “Captain Future” zusammenfasst. Sie repräsentieren das, was der Autor in / seit den 90er Jahren wieder auf dem Vormarsch sieht: der Weltraumheld  “erntete die berauschende Frucht des Mondkrauts (…), obwohl es noch gar keine Hippie-Drogenkultur gab, gründete Handelsniederlassungen in den Dschungeln der Venus (…) und freute sich daran, dass die Bewohnerinnen und Bewohner unterschiedlicher Welten einander offenbar erotisch und genetisch hinreichend ähnlich waren, um miteinander eine Spezies fliegender amphibischer Menschen zeugen zu können. (…) Der Mann hält schwarze Planeten auf, die mit der Erde zu kollidieren drohen, sucht sieben Steine, mit denen man die Macht über das Sonnensystem erobern kann, füttert zwischendurch ein ‘Meteor-Chamäleon’ und reist Millionen Jahre in die Vergangenheit, weil es damals noch wilde Mengen von Rohstoffen gab, die man heute bzw. morgen brauchen kann”.

Heute wird der Begriff “Weltraumoper” (der Bindestrich ist nicht länger nötig) im Grunde auf ein einziges Werk bzw. Gesamtwerk angewandt: auf “Star Wars”. Dieses Medien-Universum ist “die” Weltraumoper, so wie Elvis “der King” ist (oder – je nach Domäne Jack Kirby), Hitchcock “der Meister”, Shakespeare “der Barde” und Frank Sinatra “the voice”.
Tuckers Schmähungsversuch ist endgültig implodiert. 1:0 für die Oper!

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Fabelwesen und ein Brüderpaar

betr.: 11. Todestag von Christopher Lee

Als Christopher Lee starb, war er einer der angesehensten und populärsten Schauspieler überhaupt. Die Mischung, die er zu bieten hatte, war unwiderstehlich: eine jahrzehntlange Karriere, seine bis zuletzt imposante Erscheinung, die Würde, die er jeder seiner Rollen mitgab, von denen mehrere in der Popkultur Legendenstatus erreichten, und schließlich seine britische Herkunft, die alles wie ein Kitt zusammenhielt. (Er konnte sogar deutsch, und wir hören in einigen Filmen seine Originalstimme.)
Ihm war es vergönnt, als Ensemblemitglied des kleinen britischen Hammer-Filmstudios mit „Dracula“ das wichtigste Filmmonster der neuen Welle zu verkörpern. Dass es Lee sogar gelang, diesen Part seinem großen Vorgänger aus Hollywood zu entreißen, dem unlängst verstorbenen Bela Lugosi, lag nicht zuletzt daran, dass er tatsächlich die bessere Arbeit ablieferte.

Immer zu Stelle für die alten Fans: Lee (r.) und seine wichtigsten Hammer-Kollegen inHouse of the Long Shadows„.

Doch der Ruhm als Gruselfilm-Star behinderte ihn auch und schloss ihn von allen anspruchsvollen Projekten aus. Erst 1970 kam ein großer Hollywood-Regisseur und befreite Christopher Lee aus dieser Notlage: „Da ich in einem Film von Billy Wilder spielen konnte, dessen Werk die ernsten wie auch die komischen Momente beinhaltet, konnte ich wirklich für jeden arbeiten. Wenn mich ab diesem Zeitpunkt jemand noch immer auf mein altes Rollenfach festlegen wollte, hatte er schlicht und einfach seine Hausaufgaben nicht gemacht.“
Der Film hieß „Das Privatleben des Sherlock Holmes“.

Lee war stolz darauf, als einziger Schauspieler nicht nur Sherlock Holmes, sondern außerdem auch dessen Bruder Mycroft verkörpert zu haben.
Er erinnert sich:

»Ich kannte Adrian Conan Doyle, einen der beiden Söhne des Autors. Er verriet mir, dass die Namen Sherlock und Holmes beide von bedeutungslosen Cricketspielern stammten, ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt.
Adrian war sehr nett zu mir, auch nachdem er mich in meinem fürchterlichen ersten Film als Holmes gesehen hatte, den ich in den frühen 60er Jahren in Berlin gedreht habe: „The Deadly Necklace“ („Sherlock Holmes und das Halsband des Todes“). Dr. Watson war Thorley Walters. Es waren gute deutsche Schauspieler dabei, die solide Englisch sprachen, aber alles – auch mein Part – wurde anschließend synchronisiert. Der Ausstatter baute die schönste Baker Street, die ich je gesehen habe, Terence Fisher führte Regie.
Ich habe die Rolle noch einmal gespielt. Es waren zwei Filme, die parallel von „Harmony Gold“ produziert wurden. In „Sherlock Holmes And The Leading Lady“ deckt Holmes den Plan auf, den Kaiser von Österreich zu ermorden. In „Incident At Victoria Falls“ wird er von König Edward VII nach Simbabwe geschickt, um den „Stern von Afrika“ mitzubringen, den berühmten Diamanten. Er liegt heute im Tower Of London bei den Kronjuwelen, wirklich wahr. Ich nehme den Stein also an mich, und er wird gestohlen. Wir enden mitsamt allen Verdächtigen in den Victoria-Wasserfällen. Claude Akins spielte Theodore Roosevelt. Es gibt eine wunderbare Szene, in der er fröhlich plaudernd vorne auf einem fahrenden Zug sitzt. Patrick Macnee war auch mit dabei – er ist ein paar Monate älter als ich, woran ich ihn immer gern erinnere.
Es waren zwei sehr gute Filme, die fürs Fernsehen auf die Hälfte gekürzt wurden.

In „Das Privatleben des Sherlock Holmes“ wurde Sherlock von Robert Stephens gespielt, Colin Blakely war Dr. Watson. Die geschnittenen Szenen habe ich nie gesehen. Es gibt mindestens zwei weitere Geschichten, die man für eine Laserdisc-Veröffentlichung versuchte, wieder herzustellen. Ich kenne nur das, was im Film ist: die Ballerina, die Holmes als Vater für ihr Kind engagieren will, und die Affäre um Loch Ness, das Ungeheuer und Queen Victoria.
Ich kann die Geschichten, die man sich über Loch Ness erzählt, gut nachvollziehen, Es ist wirklich ein gruseliger, finsterer Ort. Es würde mich nicht überraschen, wenn da wirklich etwas  im Wasser wäre. Der See ist weitläufig, kalt, still und dunkel – ganz besonders, als wir dort unsere Nachtszenen drehten.
Billy Wilder hat mich nie auf  meine Vergangenheit angesprochen. Es kam nur zu dieser einen Bemerkung. Während eines Nachtdrehs an der Burg – es war dunkel, und Fledermäuse flogen herum – warf er mir einen Seitenblick zu und sagte: „Du musst dich hier ja wie zu Hause fühlen.“ Dann hat er nie wieder etwas in der Art gesagt.
Der beste Regisseur, mit dem ich je gearbeitet habe.«

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Notes On A Podcast: Präzision im Flugmodus bei Louis de Funès

betr.: den Podcast https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/kultfiguren-louis-de-funes

Unter denjenigen der Zuhörer von “Kultfilme – Der Podcast”, mit denen ich persönlich hin und wieder spreche, hat die Sonderfolge über Louis de Funès besondere Freude gemacht. Einer davon (ein Kollege vom Fach) hat mir in Aussicht gestellt, dass wir vielleicht gemeinsam ein Vol. 2 aufnehmen werden. Das hieße: zwei weitere Filme des Meisters der Zerrmimik und Strampelgestik würden ausgesucht und besprochen.
Unterdessen sei hier wiedergegeben, was dem Regisseur Dominik Graf über den “genialen” Komiker durch den Kopf gegangen ist, nachzulesen in seinem Buch “Sein oder Spielen”*. Louis des Funès war demnach …

»… nach langem Karriere-Anlauf in den 60ern bis in die 80er fast ein singulärer Erfolgsfall (…). Sein berühmter Dreischritt der Entrüstung “Was?! – Nein! – Oh!” entspricht präzise der Schauspieler-Technik von Sehen-Erkennen-Reagieren. So wie er das für sich umwandelt, so kann nur ein Clown oberster Klasse auftrumpfen, und dies wahrlich mit allem, was dazugehört, um ein Kinopublikum innerhalb von fünf Minuten in einen vor Lachen jammernden, luftschnappenden, völlig selbstvergessenen Haufen zu verwandeln. Louis de Funès gehört aber auch zu den Schauspielern, die durch den verpönten deutschen Synchron ab und zu sogar noch gewannen. Gerd Martienzen war der deutsche Sprecher, des dreimaliges “Was? – Nein! – Oh!” die Szene von de Funès auf dem Sofa neben Bernard Blier in “Hasch mich – ich bin der Mörder” (Jean Girault, 1971) fast besser wirken ließ. Martienzens sanfteres “Oooh” ist in seiner noch mechanischeren Wiederholung so impertinent und unterschwellig ironisch, dass es das originale empörte, etwas knappere “Oh!” an Zwischentönen überbietet. Denn natürlich ist Funès überhaupt nicht überrascht, was der eiskalte Inspektor Blier ihm da an Ungeheuerlichkeiten erzählt. Er selbst hat sie ja alle angerichtet.
Gedreht sind die einzelnen Szenen der klassischen Film-Komödie zumeist als Bühnen-haftes Ganzes mit möglichst wenigen Schnitten (…) als Demonstration der organischen Timing-Stimmigkeit aller rasanten körperlichen und sprachlichen Abläufe im Bild. Man hat den Überblick, und die genauen Geschwindigkeitsabläufe müssen in den Darstellern schon perfekt angelegt sein, weil ein Schnitt unter Umständen eine Diskonitinuität in Tempo oder Tonfall zur Folge hätte. Regisseur Girault teilte in “Hasch mich” fast alle Szenen in lange einzelne Bögen auf, durchaus mal zwei, drei Minuten am Stück. Auf seine Schauspieler konnte er sich dabei verlassen. «
_______________
* Im erwähnten Buch wird nicht nur gegendert (was stellenweise zu wahren satzbaulichen Monstrositäten führt), sondern auch mit unsinnigen Jahrhundertangaben gearbeitet (“In den 1980er Jahren übernahm Götz George eine Hauptrolle im ‚Tatort‘” oder ähnlicher Schwachsinn). Dass dies nicht Dominik Grafs Idee war, sondern eine Übergriffigkeit des Lektorats bei C.H. Beck, auf die der Autor sich ächzend eingelassen hat, erkenne ich dran, dass es hin und wieder unterbleibt, die zuständige praktikantische Ausputz-Kraft also nicht durchgehend bei der Sache war. Ich wäre geneigt, Zitate aus “Sein oder Spielen” dahingehend zu re-redigieren. Bei der oben zitierten Passage war das zum Glück nicht nötig.

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Kultfilm Azubis: Eine Dienstfahrt, die ist lustig

Es scheint, jede dritte der großen Spürnasen, die uns spontan in den Sinn kommen, ist ein Held, der die Sache mit Humor angeht. Auf einen Dirty Harry und einen Ethan Hunt kommt ein Columbo, auf einen halben Sherlock Holmes ein ganzer Inspector Clouseau. Neben dem knalligen Frank Drebin betrachten wir im heutigen Podcast auch eine frühe Version von Hercule Poirot – und schon hier ist die Grenze fließend:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/die-nackte-kanone-die-morde-des-herrn-abc

Die nackte Kanone / The Naked Gun: From the Files of Police Squad!
Amerikanische Krimiparodie von 1988

Frank Drebin ist ein tüchtiger Ermittler des LAPS, der sogar internationale Politgangster zur Strecke bringt. Andererseits geht auch manches schief, und selbst bei seinen erfolgreichen Einsätzen pflegt er, eine Schneise der Verwüstung zu hinterlassen, diplomatische Verwicklungen auszulösen und seine Kollegen mehr zu gefährden als die Vertreter der Unterwelt. Aktuell steht sowohl ein Besuch von Queen Elizabeth II als auch die Aufklärung des versuchten Mordes an einem Kollegen an …

Der Film, ein typisches Abenteuer aus der Slapstick-Produktion der Zucker-Brüder,  ging aus der gefloppten Fernsehserie „Die nackte Pistole“ hervor, zog Fortsetzungen und ein Remake nach sich und machte den ergrauten Nebendarsteller Leslie Nielsen für den Rest seines Lebens zum Kino-Comedy-Star der Spitzenklasse.

Die Morde des Herrn ABC / The Alphabet Murders
Amerikanische Krimikomödie von 1965

Hercule Poirot reist nach London, um seinen Schneider aufzusuchen. Zufällig beginnt dort zur selben Zeit ein Serienmörder, seine Opfer in alphabetischer Reihenfolge um die Ecke zu bringen. Poirot macht die verstörende Bekanntschaft der mutmaßlichen Täterin (einer offenbar verwirrten Blondine) und des britischen Agenten Hastings, der ihm von der Regierung als Leibwache aufgezwungen wurde. Er braucht nach dem ersten noch einen zweiten Showdown, um den Fall aufzuklären.

„The Alphabet Murders“ entstand in den Swinging Sixties parallel zur „Miss Marple“-Reihe mit Margaret Rutherford, übernahm davon das altmodisch-spleenige Flair – mit ein paar Abweichungen, die die Handschrift des Regisseurs Frank Tashlin tragen und dessen Vorleben im amerikanischen Trickfilm verraten. Auch ein paar Gesichter aus der Rutherford-Reihe treten auf, z.B. der Komödiant Robert Morley in einer ungewöhnlich großen Rolle und Miss Marple herself, die Poirot in der Literatur nie getroffen hat.

Nächste Woche. Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers und Das Waisenhaus (2007)

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Aber ich hielt es für interessant, eine ungewöhnliche Figur zu erwähnen, die ich als historisch garantieren kann und die daran gemahnt, dass der Krieg voll war von unsagbarem Staunen und unaussprechlicher Verzweiflung, und dass er durch eine bekannte Macht, deren Sieg naht, beschlossen wurde – über die Köpfe der Mittelmäßigen hinweg, die dachten, die Initiatoren oder die profunden Taktiker dieses Krieges zu sein – einer Macht, der der Schatten der Auslöschung voranschritt.

Leon Bloy: „Ein deutscher Mönch“ („Blutschweiß“) – Matthes & Seitz Berlin

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Masters Of The Universe (2026)

Ronny war auf der Pressekonferenz in Berlin, das Video dazu ist schon online. Außerdem gibt es in unserem Podcast eine ausführliche Besprechung des gleichnamigen Klassikers von 1987:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/masters-of-the-universe-ein-mann-geht-durch-die-wand

Hier steht unsere kleine Kritikerrunde zum aktuellen Film:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/masters-of-the-universe-2026

Masters of The Universe
US-amerikanischer Superhelden- und Fantasy-Film von Travis Knight

Der abscheuliche Skeletor erobert Eternia und bannt die Macht der guten Zauberin. In letzter Sekunde gelingt es ihr, den Königssohn Adam und das magische Schwert in die Menschenwelt zu teleportieren. Leider werden Knabe und Waffe beim Transport getrennt, und Adam wächst unverstanden unter großstädtischen Kleinbürgern auf. Eines Tages steht seine Jugendfreundin Teela vor ihm und will ihn und das wiedergefundene Schwert nach Eternia mitnehmen, um Skeletor endlich zu bestrafen. Adam wird zu He-Man und führt seine alten Gefährten in die Schlacht – wenn auch mit Hindernissen.

In einem anderen Jahrtausend konnte der Spielwarengigant Mattel innerhalb von fünf Jahren weltweit 120 Millionen He-Man-Actionpuppen verkaufen. Es folgte eine Zeichentrickserie und ein Film der berüchtigten „Cannon“-Gesellschaft, ohne deren hurtig produzierte Produkte die Videotheken der 80er Jahre halbleer geblieben wären. Die zweite Realverfilmung des Kulturphänomens erklärt uns nun alles, was wir bisher noch nicht verstanden haben – und niemals jemanden gefragt hätten.

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Burgtheater-Deutsch: der Sound der Bonner Republik

betr.: Sprechen am Mikrofon

Im frühen deutschsprachigen Tonfilm sowie in den Filmen der Nachkriegszeit wird im Dialog ein schnarrender Ton angeschlagen, der auf unsere Ohren ganz automatisch antiquiert und etwas albern wirkt. In Kostümfilmen lassen wir ihn uns tendenziell eher gefallen, zu jener Lächerlichkeit, die viele von uns Heutigen im Heimatfilm erblicken, trägt er ganz wesentlich  bei.
Diese besondere Art der Intonation entstand nicht zufällig, sie wurde im 19. Jahrhundert eigens entwickelt, um auf der bis heute größten und bedeutendsten Sprechbühne des deutschen Sprachraums, dem Wiener Burgtheater, zu funktionieren, in einer Räumlichkeit also, die die unverstärkte menschliche Stimme sonst kaum zu bespielen in der Lage gewesen wäre. Von dort aus hat sich diese Sprechweise als „amtlich“ durchgesetzt und lange Zeit erhalten.
Ein anschauliches Klangbeispiel für diese Haltung ist die berühmte Aufnahme der vorletzten Jahrhundertwende, auf der der Schauspieler Josef Kainz (damals einer der größten Stars der Schauspielkunst) den Hamlet-Monolog vorträgt. Der hier kultivierte getragene, überdeutlich artikulierende und gerne das R rollende Sound war zum einen wohl der Versuch einer standardisierten Antwort auf die Vielzahl der regionalen Idiome, die die Burgschauspielerinnen und –spieler einst mitbrachten, zum anderen muss man ihn aber eben auch als technisches Mittel begreifen, mit der eigenen Stimme bis hoch auf die weit entfernte Galerie durchzudringen.
Er wurde nicht nur im Theater und auf der Leinwand nachgeahmt und zum Standard erhoben, sondern auch auf der politischen Bühne. Vor allem wegen der fatalen Anklänge, die sich mit Letzterem verbinden, ist Burgtheater-Deutsch mittlerweile selbst in Wien eine Tote Sprache. Im Studiobetrieb ist die peinliche Vermeidung dieses Stilmittels eine der letzten Regeln, auf deren Einhaltung noch Wert gelegt wird – während S-Fehler, verschluckte Endungen und ähnliche Unsitten von den meisten Dialogregisseuren längst nicht mehr bemerkt werden und andererseits faschistoide Inhalte in der Debatte längst wieder salonfähig sind. Selbst mit ironischer Absicht darf man sich ein nostalgisch rollendes R am Ateliermikrofon niemals erlauben, wenn man nicht riskieren möchte, fachlich, geistig und / oder moralisch in Verruf zu geraten.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Der Lyriker wie SF-Autor Thomas M. Disch resümiert die Erfahrungen, die dabei gemacht wurden, schließlich in den Achtzigerjahren mit dem Bekenntnis, dass der von vielen Stimmen der New Wave geteilte Gedanke, SF pflege, wie Lyrik, ein besonderes Verhältnis zur Metapher, der die Protagonistinnen und Protagonisten der Bewegung zur Anfertigung diverser „quasi-narrative Poems“ verführt hatte, für sich genommen unfruchtbar gewesen sei: Man hatte zu viel Gewicht auf das gelegt, was bei Hegel „Aussprechen“ heißt, und zu wenig auf den „Ausdruck“ – Dischs Pointe war, dass die „experimentelle“ SF diese Schwäche mit der Zeitgenössischen Lyrik teile, welche nach Entdeckung der Reimlosigkeit, des freien Zeilenfalls und anderer Prosa-Importe auf einen Kurs geraten sei, an dessen Zielpunkt die „contemporary poetry“ sich zwischen erstens Konfession, zweitens kurzer (soll heißen: weniger als hundert Verse), semisurrealistischer Vignette und drittens bloßem Gedankenornament als rhetorische Gebärde des Nichteinverstandenseins („expostulation“) in die Belanglosigkeit habe verirren müssen – die Kapitulation der Lyrik vor der Prosa auf ihrem ureigensten Territorium.

Dietmar Dath: „Niegeschichte“ Matthes & Seitz Berlin

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